Wer ist Deutschland?

Du! So jedenfalls beantwortet die Initiative “Du bist Deutschland” diese Frage. In Fernsehspots, Zeitungen oder Internet wird mit Unterstützung prominenter Fürsprecher für ein neues Volksgefühl geworben. Waren bisher Forderungen an den Staat oder die Wirtschaft gängiges Verhaltensmuster der Deutschen, appelliert nun die (Medien-)Wirtschaft ihrerseits an die Vernunft im Menschen. Gemeinschaft statt Egoismus soll Einzug halten im Denken der Bürger.
Was auf den ersten Blick nicht ganz deutlich wird, ist der eigentliche Initiator des ganzen: Die Bertelsmann AG. Sie übernimmt den Großteil der Kosten. Daneben haben sich 25 weitere Medienunternehmen positioniert und veröffentlichen bis Ende Januar 2006 unentgeltlich Anzeigen und TV-Spots. Das Gesamtvolumen summiert sich so auf 30 Millionen Euro.

Leider handelt es sich wohl um eine geschlossene Gesellschaft. Selbst die aufgeführten Fremd-Initiativen beschränken sich auf die üblichen Verdächtigen: Von “Amnesty international” über “Caritas” bis “weißer Ring” findet man allerlei hochdekorierte Gemeinwohlaktive. Für ein Projekt diesen Themas hätten jedoch nicht nur Wirtschaftsunternehmen oder Sozialvereine eingebunden werden dürfen. Möchte man Deutschland in eine neue patriotische Ära führen, sind vor allem Veränderungen in der Verfaßtheit des Staates nötig – wobei Staat hier keinesfalls nur auf den öffentlich-rechtlichen Bereich zu begrenzen ist. Mitspracherechte der Arbeitnehmer oder starke Bürgerbeteiligung bei politischen Entscheidungen stellen nur die Spitze dessen dar, was für ein neues Wir-Gefühl bei den Deutschen die Grundlage bilden muß. Denn erst wenn der einzelne sich auch wirklich einbringen kann und seine Gleichwertigkeit und Souveränität in Gemeinschaft anerkannt wird, entsteht daß, was “Du bist Deutschland” erreichen möchte: Gemeinschaft statt Gesellschaft.
Überhaupt fehlt es der Initiative an Kommunikation – obwohl gerade die Grundstein sein soll. Diskussionsmöglichkeiten findet man keine. Lediglich seine Zustimmung kann man veröffentlichen. Der “Feedback-Bereich” glänzt mit ausgewählten Zuschriften, die selbstverständlich keinerlei Diskursinhalte aufweisen. Automatische Unterstützerlisten wurden wohl aus Angst, es könnten sich ungenehme Teilnehmer eintragen, gleich gänzlich vergessen. So verengt sich die Rolle des Bürgers, um den es doch eigentlich geht, auf seine bei jeder Bundestagswahl feststellbare Bedeutung des Stimmengebers und Gehorchenden. Als Souverän aber möchte man ihn auch diesmal nicht sehen.
Alles in allem also purer Aktionismus ohne theoretischen oder wenigstens ideologischen Hintergrund. Die Idee ist gut! Deutschland braucht eine neue Denkweise, um den Herausforderungen der Globalisierung begegnen zu können. Doch leider wurde auch hier wieder einmal die Chance verpaßt, den für eine Republik erforderlichen Diskurs auf Augenhöhe zu errichten.

Veröffentlicht von

Thomas C. Stahl

Herausgeber von tiuz.de. Motto: Die einzige legitime Politik in einer Demokratie ist die des Volkes! Homepage

Ein Gedanke zu „Wer ist Deutschland?“

  1. “…Überhaupt fehlt es der Initiative an Kommunikation – obwohl gerade die Grundstein sein soll. Diskussionsmöglichkeiten findet man keine. …”

    Das ist leider wahr. Eine blog-ähnliche Struktur würde dem Ganzen guttun! Ansonsten aber gefällt mir die Seite und ich bin mit einer Forderung dabei…

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