Web 2.0? Kenne ich nicht, ich bin konservativ!

Web 2.0 hat sich mittlerweile zu einem echten Modewort entwickelt. Nicht etwa, weil es für Innovation oder etwas neues stehen würde. Dafür liegt die Phase der Pioniere schon viel zu lange zurück und die meisten Ideen sind zumindest jenseits des großen Teiches längst ge- und erdacht worden. Vielmehr sorgen nun Nachahmer und Trittbrettfahrer in hektischen, zuweilen beinahe panischen, Anfällen für ein stetes Neuerfinden der zweiten Webgeneration. Stets sind die Einfälle neu auf dem Markt. Immerhin ist man ja mit Web 2.0 up to date, bewegt sich im High-End-Bereich, ist der Konkurrenz einen – wenn nicht gar zwei – Schritte voraus. Kurzum: Web 2.0 ist in aller Munde.

Einmal Moderne …

Ein gutes Beispiel für dieses Schauspiel kann man neuerdings in der Universitätsstadt Jena erleben. Hier wird mit nicht genau beziffertem Erfolg die Regionalplattform Jena-Kompakt.de herausgegeben. Diese bietet neben Branchenbuch und diversen Kontaktfunktionen auch einen Nachrichtenteil. Besonders letzterer kann durchaus mit einem gewissen Qualitätsprädikat versehen werden. Die regionalen Meldungen werden noch in altertümlicher Recherche- und Journalistenarbeit produziert. Jedenfalls ihr Informationsgehalt weist also Authentizitätsgehalt auf. Nun hat die Sache aber einen Haken: Das ist ja so altmodisch ;) !
Also hat sich der bisherige Betreiber einen neuen Partner ins Boot geholt. Er soll dem ganzen Konzept einen neuen Anstrich verleihen und das Projekt in ungeahnte Höhen des Erfolgs katapultieren. Dreimal darf geraten werden, mit welchen Mitteln … Richtig! Web 2.0, genauer “Bürgerjournalismus”.
Dem Betreiber sagt diese neue Technik nicht wirklich etwas. Er ist ” doch nur ein konservativer Web-Unternehmer” und hatte bisher die durchaus vorhandene Kommentarfunktion sogar abgeschaltet. Doch nun soll alles anders werden. Die Bürger werden bald ihre Nachrichten selbst schreiben können, Kommentare sind dann wohl auch wieder erlaubt und sogar ein Forum soll eingebaut werden. Zu guter letzt will man gar eine komplett neue Idee, eine herausragende Innovation auf den Markt bringen: Auf einer zentralen Seite sollen Informationen vieler verschiedener Nachrichtenangebote zusammengefaßt und ausgegeben werden. Genau könne man mir natürlich nicht sagen, wie das funktionieren wird. Ist ja alles noch in der Entwicklung – angeblich bei Intershop (was ich fast nicht glauben kann). Mit einem inneren Grinsen dachte ich mir meinen Teil, merkte lediglich an, so etwas in wenigen Tagen auf die Beine stellen zu können und hinterließ ein erschrocken bis ungläubiges Gesicht.

… und zurück

Aus diesem Beispiel lassen sich zwei Erkenntnisse ableiten. Erstens scheint trotz seiner ständigen Verwendung der technische Stand hinter dem Wort Web 2.0 nur wenig bekannt zu sein. Zweitens wird das Thema komplett falsch eingeordnet und damit ebenso falsch in seiner Bedeutung bewertet.
Zunächst ist Web 2.0 keine Technik, sondern ein Konzept. Dieses setzt auf die Erzeugung und/oder Nutzbarmachung sozialer Strukturen, auch Netzwerke genannt. Über Interaktion sollen aus passiven Webseitenbesuchern aktive Inhaltproduzenten und PR-Subjekte entstehen. In einem Prozeß des gegenseitigen Aufschaukelns schreiben “Bürgerjournalisten” Artikel und Gegenartikel, Forenbeiträge und Kommentare, oder bauen Mund-zu-Mund-Propaganda-Netzwerke auf.
Des weiteren basiert jenes Konzept Web 2.0 auf Techniken, die so schon länger bekannt sind. Sie werden lediglich in neue Beziehungen zueinander gestellt und geben zugegeben nicht selten eine Funktionsneuheit vor, die sie eigentlich nicht sind. Fast jede Software von Blogs über Social Bookmarking bis RSS-Feed-Readern ergab sich aus dem allgemeinen Stand der Technik. Wirklich neue Erfindungen sind wohl nur selten dabei; allenfalls handelt es sich um neue Methoden.
Der größte Irrglaube aber ist, daß Web 2.0 der Schlüssel zum Erfolg eines Webprojektes sei. Zwar kann ein solches Konzept durchaus sinnvoll sein. Doch kommt es auch hier stets auf das Ziel eines Projektes an. Nach diesem muß gleichzeitig mit oder kurz nach einer jeden Idee gefragt werden: was soll bewirkt werden, welchen Weg will man einschlagen, worin liegt der jeweilige Erfolg? Erst wenn diese Frage beantwortet ist, darf die Entscheidung pro oder kontra Web 2.0 getroffen werden. Sieht man die Erschaffung, Pflege und Nutzung Sozialer Netze im Zentrum des Projekts, ist die Entscheidung klar pro. Möchte man aber zum Beispiel ein eher seriöses Nachrichtenportal betreiben, kann man seinem Konservatismus durchaus freien Lauf lassen und auf Web 1.0 mit Elementen wie Kommentare oder Umfragen setzen.

Das Bürgernetz ist vor allem vor dem Hintergrund zunehmender Demokratisierung unabdingbar. Allerdings sollte man sich dabei auch stets bewußt sein, daß die sogenannten Sozialen Netze im Web lediglich die Digitalisierung menschlicher Verbindungen sind. Dieses sogenannte Web 2.0 ist nicht das Ei, sondern das Huhn. Bedenkt man dies, verschwimmen plötzlich die terminologisch konstruierten Unterschiede zwischen Web 2.0 und 1.0 und lassen beide als reine Werkzeug-Varianten antreten. Man denkt ja auch nicht, die Metallsäge sei eine Weiterentwicklung der Holzsäge.

Diskussion (13)

  1. Karl sagt:

    Bei dem Technik-Hype kann ich dir zustimmen, aber die Methoden bzw. die Menschen, die solche Techniken nutzen, machen eben das neue Web aus.

  2. Dirk sagt:

    gute artikel zum thema

  3. computer-datenrettung.de sagt:

    Rein technisch betrachtet gibt es keine Unterschiede zwischen Web1.0 und Web2.0. Chats, Foren und Communities gibt es seit Anbeginn des Internet. Die Wortschöpfung Web2.0, welche ich persönlich für eines der Unwörter des Jahres halte, wird doch im Grunde nur fürs Marketing benötigt, um alten Wein in neuen Schläuchen zu verkaufen. Wenn man sieht, was derzeit für eine wahre Schwemme an Möchtegern-Mitmachweb-Projekten auf den Markt kommt, warte ich nur auf das Platzen der Blase, denn bei den meisten dieser Projekte ist kein Plan zu erkennen, und ganz sicher auch nicht vorhanden, wie man langfristig ohne einen Verkauf des Projektes an irgendein Verlagshaus, solide Geld verdienen will.

  4. Eike sagt:

    Da Stimme ich meinem Vorposter absolut zu. Web 2.0 bringt eigentlich nichts wirklich neues. Interaktivität bestimmen das Internet seit dessen Start. Einzig findige Geschäftsleute brauchten ein Buzzword, das zum Anpreisen verschiedener Konzepte benötigt wurde. Mit Erfolg, wie sich im nachhinein herausstellte, wenn man sich die zahlreichen Startupgründungen im letzten Jahr anschaut.

  5. Diät-Papst sagt:

    Darf ich sagen, dass Blogs auch zum Web 2.0 gehören? Und wir hier und jetzt darauf schreiben oder lesen?

    Nein. Web 2.0 ist keine Mode. Web 1.0 ist relativ “out”. Selbst Wikipedia ist Web 2.0 und Amazon (man kann Bewertungen schreiben), ebay (Bewertungen), die Foren… alles web 2.0.

    Natürlich gibt es das Web 2.0 (fast) seit Anbeginn des Internets: Foren.

    Bleibt die Frage nach den “Hype”.

    Hierzu ein Beweis:

    Geht mal auf Alexa.com und vergleicht die page views von Google.com und von Youtube.com

    Vor einem Jahr hatte google.com doppelt so viele views. JETZT hat Youtube doppelt so viele views.

    Ach ja… Youtube? Web 2.0 :-) -> videos hochladen und Kommentarfunktion…

    Meine Einschätzung: Die Nutzer gehen in Zukunft weniger in die Suchmaschinen, sondern direkt auf die entsprechenden Seiten.

    Google hat das rechtzeitig erkannt und kauft ja auch wie wild.

    Andere wie MSN und Yahoo haben das völlig verschlafen — die setzen noch auf Portale und versuchen Ihre Suchmaschinen zu verbessern.

  6. Mike sagt:

    Interessantes Thema, und ein netter Artikel, sehr schön geschrieben!!

  7. Rexi sagt:

    Web 2.0 ist einfach eine Kreation, die sich gut anhört. :-) Ansonsten sehr schön geschriebener Artikel.

  8. Helmut sagt:

    Web 2.0 steht für Weblog, Social Networks, Social Bookmarks. Ich habe diesen Begriff so langsam wirklich satt.

  9. Adi sagt:

    schön geschrieben und gut zu lesen. Guter Artikel!

  10. Sudoku-König sagt:

    Web 2.0 ist am Aussterben. Niemand hat sich wirklich für diesen ganzen Social Bookmarking-Quatsch interessiert.

  11. Nick sagt:

    Ich bin der Meinung das Web 2.0 war eh nur ein wenig Promo…

  12. Literaturepochen sagt:

    Also Social Bookmarking ist ja nur ein kleiner teil des Web 2.0.
    Ich halte den Begriff Web 2.0 eher für ein unwort als für etwas anderes.
    Denn was sagt der Begriff denn aus? Meiner Meinung nach überhaupt nichts :D
    Es ist einfach ein Wort das die Entwicklung im Web in den letzten Jahren “überspannt”.

  13. Jens sagt:

    Das stimmt wohl. Ich meine auch das das Web 2.0 eigentlich nur ein Unwort ist. Es gibt doch garkeine genaue Definiton von Web 2.0 die einem einleuchtend erklärt was genau gemeint ist.

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