Warum Bürger-Journalismus wichtig ist

Es ist eines der geflügelten ‘Worte des 21. Jahrhunderts: Bürgerjournalismus. Zusammen mit Begriffen wie „Web 2.0“ oder „Soziale Medien“ gehört es zum Fundament des Internets, wie wir es kennen. Doch was soll das eigentlich sein, Bürgerjournalismus? Die einen tun es als bloßen Hype ab; eine Gefahr für die Qualität des Journalismus insgesamt sei es. Die anderen sehen darin eine Art Emanzipation des einzelnen Bürgers vom Informationsmonopol der traditionellen Presse.

Wehret den Anfängen

Der ersten, negativ eingestellten, Gruppe kann die Geschichte des Journalismus entgegengehalten werden. Ein Blick ins Frankreich des späten 18. Jahrhunderts zum Beispiel entlarvt jede Kritik am Bürger-Journalismus. Waren es nicht einfache Bürger, die damals in Zeitungen der Revolution stete Nahrung gaben? Sie informierten ihre Landsleute über Missstände des herrschenden Systems und die Fortschritte des Widerstandes.

Jedes Flugblatt ist nichts anderes als ein Presseerzeugnis. Es enthält zumeist aktuelle Informationen und richtet sich an die Allgemeinheit. Nicht ohne Grund gibt das deutsche Recht auch für dieses Medium eine Impressumspflicht vor. Da stellt sich sehr schnell die Frage, was denn eigentlich der essentielle Unterschied zur Zeitung ist.

Qualität durch professionellen Journalismus?

Zeitungen von heute werden natürlich nicht mehr von Einzelpersonen herausgegeben. Längst übernehmen große Redaktionen die Aufgabe, Neuigkeiten, Wissen und Diskurs unters Volk zu bringen. Mit mehr oder weniger großem Aufwand werden alle erdenklichen Themen bearbeitet. Das Versprechen an die Leser ist die hohe Qualität. Ohne Frage: Viele Magazine und Zeitungen erfüllen dies. Andere wiederum nicht.

Seit dem das „neue“ Medium Internet Informationen jederzeit, hyperaktuell und in fast unbegrenztem Umfang zur Verfügung stellt bröckelt der Nimbus des Journalismus. Auf der Jagd nach maximalen Leserzahlen und geringst möglichen Kosten bleibt nicht selten die Qualität auf der Strecke. Im Ergebnis stehen Presseerzeugnisse mit 30 und mehr Seiten, die oftmals weniger inhaltlichen Wert als ein Flugblatt bieten.

Bürger-Journalisten sind keine Schmierfinken

Es stellt sich vor diesem Hintergrund die Frage, weshalb automatisch angenommen werden soll, Bürgerjournalisten böten weniger Qualität.
Zugegeben: Ließt man sich durch Facebook oder diverse Foren, könnte dieser Eindruck durchaus entstehen. Das dort dargebotene bewegt sich nicht selten hart an der Grenze zum erträglichen und überschreitet sie oftmals. Doch auch wenn natürlich jede Form individuellen Publizierens unter Bürger-Journalismus fällt, sollte man das ganze doch etwas differenzierter betrachten. Es kommt ja auch niemand auf die Idee, die Zeitungen BILD und ZEIT gleich zu setzen.

In Blogs, eBooks und Wikis werden Informationen auf höchstem Niveau produziert. Was im Grunde nicht verwunderlich ist. Alle drei Publikationsformen werden entweder von Spezialisten, die sich mit dem, was sie schreiben, auskennen und/oder durch das Wissen vieler gestaltet. Das, was dabei heraus kommt, ist in vielen Fällen mit journalistischen Werken vergleichbar oder sogar besser.

Bürger-Journalismus als wichtige Säule der Demokratie

Nachdem die Frage nach der Qualität geklärt ist, stellt sich natürlich eine weitere nach dem Sinn von Bürger-Journalismus. Welche Aufgabe fällt ihm in einer Gesellschaft zu? Die traditionelle Presse wird manchmal auch als Vierte Gewalt im Staat betitelt. Neben Gesetzgebung, Exekutive und Rechtspflege ist sie die kontrollierende Instanz, der direkte und vor allem unabhängige Informant der Bürger.

Kann einem einzelnen Blogger oder eBook-Autor das Attribut „Staatsgewalt“ angeheftet werden? Auf der Suche nach einer Antwort lohnt sich ein Blick in Staaten, wo es keine Pressefreiheit gibt, wo die Freie Meinung allenfalls auf extrem geduldigem Papier steht. In diesen Ländern ist die Presse oft gleichgeschaltet, zensiert und alles andere als die Vierte Gewalt. Vielmehr dient sie den Herrschenden als Propagandamedium.

Wie oft hören wir dagegen von Bloggern, die in China, Russland oder diversen arabischen Staaten Missstände veröffentlichen oder zum Sprachrohr des Widerstandes werden. Hier sind es die Bürger, die das journalistische Informationsmonopol inne haben.

Natürlich kann man die Lage in Deutschland nicht mit der in China vergleichen. Dennoch sind auch hiesige Journalisten nur Menschen und damit anfällig für persönliche Annoncen; Parteigänger, Selbstzensur, Unwissenheit, Eitelkeit … all das fließt ein in den Presse-Kanon. Nicht selten fallen dabei jene Dinge, die eigentlich an die Öffentlichkeit gehören, unter den Tisch.

An dieser Stelle kommt der Bürger-Journalismus ins Spiel. Es wird sich immer jemand finden, der über noch so unbedeutende Missstände berichtet, der kontroverse Meinungen kund tut oder der wertvolles Wissen publiziert. Bürger-Journalismus ist die wahre Vierte Gewalt – oder könnte besser gesagt dazu werden.

Veröffentlicht von

Thomas C. Stahl

Herausgeber von tiuz.de. Motto: Die einzige legitime Politik in einer Demokratie ist die des Volkes! Homepage

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