Extrablatt am 8. September 2009
Nachdem die herkömmlichen – und nach Webgesichtspunkten hoffnungslos veralteten – Parteien um das vergangene Wochenende herum ihre jeweilige “heiße Phase des Wahlkampfs” auf Großveranstaltungen eröffnet haben, zieht nun die Piratenpartei nach. Dabei zeigt sie in einem Zug, wie politisches Marketing im 21. Jahrhundert aussieht.
Die Piraten motivieren ihre Wahlkampftruppen nicht in Hallen mit Hunderten jubelnden Anhängern. Ganz Bürgerrechtsbewegung bedarf es keiner Durchhalteparolen oder Schlachtrufe.
Die Piraten sammeln sich still und leise auf einer Internetplattform. Genauer gesagt: Die Blogsphäre versammelt sich dort. Freiwillig, viral und letztendlich mit einem medialen Potential, von dem die “Anderen” nur träumen werden können.
Zur Plattform: Piratenblogger
Das besondere an diesem Vorgehen: Mit den ohnehin der Piratenpartei sehr zugeneigten Bloggern potenziert sich die informelle Schlagkraft wie von selbst. Zwar würden Wahlkampfkoordinatoren von CDU, SPD & Co. darüber die Hände zusammen schlagen und von Kontrollverlust sprechen. Damit aber würden sie nur noch mehr offenbaren, was schon so all zu deutlich heraussticht: die althergebrachte Politik in Deutschland weiß mit den neuen Strukturen des Internets – genauer des Sozialen Netzes (Web 2.0) – nicht umzugehen.
Natürlich werden sich die Blogger auch oder gerade von der Piratenpartei keine Inhalte vorschreiben lassen. Wahlaufrufe werden nicht peinlichst gesteuert zum vermeintlich günstigsten Zeitpunkt das Licht der Öffentlichkeit erblicken.
Doch genau darin liegt die Würze, die mediale Schlagkraft. Ohne steuernde Instanzen wird die Blogsphäre Themen vor sich her entwickeln, sie wird nicht reagieren, sondern agieren. Ein ganz neues Wahlkampfgefühl – und vermutlich die Zukunft politischen Kommunizierens im Allgemeinen.
# Gebloggt auf Warum Piratenpartei wählen? « time for sheep(s) am 10. September 2009:
[...] Die Frage, warum man die Piratenpartei wählen sollte, ist eine durchaus berechtigte Frage. Bei meinen Eltern scheiterte es am Namen (”Warum heißen die Piraten? Das ist doch so negativ…”), bei manchen daran, dass sie die Piraten nicht kennen (aber daran wird bereits gearbeitet, in Form von Internet-Aktionen wie auch Wahlkampfplakaten, Ständen, durchsichtigen Anhängern und Wohnzimmern), bei manchen aber auch an inhaltlichen Fragen. Oftmals (doch anderen Parteien dürfte es ebenso ergehen) sind den potentiellen Wählern nur Halbwahrheiten über die Parteiprogramme bekannt. Bei den Piraten kursieren Gerüchte, dass sie ausschließlich gegen Internetsperren währen und für legales Filesharing. Zum genauen Parteiprogramm der Piraten möchte ich an dieser Stelle nicht so viel schreiben. Es existiert auf der offiziellen Homepage der Piratenpartei eine Auflistung der Ziele mit genaueren Erklärungen. Dabei möchte ich nur die Begriffe ‘Informelle Selbstbestimmung’, ‘Transparenz’, ‘Open Access’, ‘Urheberrecht’, ‘Patentrecht’ und ‘Bildung’ in den Raum werfen. Für mich ergibt sich noch ein weiterer Grund, weshalb ich die Piratenpartei wählen würde. Das, was besonders seitens Unterstützer der großen Parteien kritisiert wird, kann auch ein Vorteil bei den Piraten sein: Sie haben nicht übermäßig viel Parteiprogramm. Die Piratenpartei ist extrem internetaffin, Informationstechnik ist eines der Hauptthemen der Partei. Das macht sie in den Augen mancher zu einer ‘Ein-Themen-Partei’, aber gleichzeitig zu einer Partei, die sich auf ihre Ziele konzentrieren, diese für ihre Wähler vertreten kann und nicht von zuvielen anderen Themen abgelenkt wird. Die Piratenpartei mag keinen Standpunkt zu speziellen Themen der Wirtschaft haben, doch wo liegt dabei das Problem? Wenn solche Themen zur Sprache kommen, kann die Partei freier agieren, kann entsprechend der Richtung ihrer Wähler (überwiegend links-orientierte Wähler) abstimmen, koalieren – muss aber nicht. Käme die Piratenpartei in den Bundestag, würde sie dort genau jene Themen vertreten können, die meiner Meinung nach unter den Tisch fielen oder falsch / kaum vertreten wurden. Denn die Piratenpartei wird nicht die Regierung stellen, und es ist daher absolut kein Problem, dass sie nicht alle Themen, die es gibt, vertritt. Sie vertritt jene Themen, die ich vertreten wissen möchte. [...]
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Auf den Spuren der Republik
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