Ohne Urheberrecht sinkt die Qualität der Inhalte

Die Debatte um das Urheberrecht in Deutschland und anderen Industriestaaten läuft nun schon seit Jahren. Angeheizt durch ein sich änderndes Konsumverhalten von Musik und Filminhalten. Basierend auf dem Missverhältnis zwischen Kostenlos-Web und dem Wert von Werken.

Ein Beispiel fehlgeleiteter Urheberrechtsdiskussion

Exemplarisch für die vielen Irrtümer und Missdeutungen des Urheberrechts ist ein Artikel von Matthias Jenny im Schweizer Monat. In ihm glaubt sich der Autor – wie viele andere Diskursteilnehmer – im moralischen Recht. Und argumentiert dabei wie viele andere auch fehlerhaft.

Urheberrecht vs. Patentrecht
Zunächst führt der Autor einen seltsamen Vergleich mit dem Rezept eines Bäckers an. Dessen Kunden könnten doch frei danach eigenes Brot backen. Darin verstecken sich gleich mehrere Fehler.
Zum einen: Handelt es sich tatsächlich allein um ein reines Schriftwerk, wäre das Urheberrecht nur dann berührt, wenn jemand anderer als der Bäcker das Rezept als sein eigenes weiter vermarktet (z.B. in einem Rezeptbuch). Das bloße private “Nachbacken” wäre ja gerade im Sinne des Werkes.
Zum anderen: Sollte das Rezept eine besondere Innovation darstellen, wäre das Patentrecht berührt. Der Bäcker könnte zu Recht die wirtschaftliche/gewerbliche Weiterverwertung einschränken, eventuell lizenzieren.

Patentschutz vs. Belebende Konkurrenz
Mathias Jenny schreibt durchaus zu Recht, ohne Konkurrenz gäbe es kaum wirtschaftliche Anreize. Doch zeugt diese Annahme im konkreten Fall eher von einem recht engen Marktverständnis. Natürlich hat ein Unternehmen kaum Anreiz auf weitere Innovation, wenn sein Produkt der einzige Weg zu einem bestimmten Ziel wäre. Das aber entspricht nicht der Realität. In den meisten Fällen stellen Patente nur eine Methode von vielen dar. Sie stehen immer in Konkurrenz zu vielen anderen Möglichkeiten. Die Wettbewerber schlafen nicht. Sie werden versuchen, Alternativen zu entwickeln. Ergo ist der Konkurrenzdruck trotz eventuellem absoluten Patentschutz gegeben.
Ähnlich verhält es sich übrigens auch beim Urheberschutz. Hier ist der Konkurrenzdruck sogar noch viel stärker. Man kann Rockmusik, im Gegensatz beispielsweise zu einem PC, durchaus mehrfach genießen, ohne dabei ein Snob zu sein.

Finanzieller Erfolg trotz kostenloser Verfügbarkeit?
Um zu beweisen, dass es auch ohne Urheberschutz Profit gibt, verweist Jenny auf mehrere Beispiele. Sie alle haben zunächst eines gemein: Es sind Einzelfälle und sie basieren auf zuvor freiwillige zur Verfügungstellung der Werke. So stellt der “9/11 CommissionReport” der US-Regierung eine allgemein verfügbare Information dar, die in einer Demokratie vom Staat selbstverständlich kostenlos zur Verfügung gestellt werden muss. Die geistige Leistung, die hinter ihr steht, wurde jedoch keineswegs umsonst erbracht. Sie wurde mit Steuergeldern bezahlt. W.W. Norton erbrachte dagegen keinen geistigen Mehrwert, sondern verkaufte lediglich die Druckleistung. Ohne Steuerfinanzierung wären beide Publikationen jedoch nicht möglich gewesen.
Sowohl der Erfolg der Druckausgabe des “9/11 CommissionReport” als auch die vereinzelten Verkaufserfolge physischer Musikträger trotz kostenloser Downloads sind nicht beliebig nachzuahmen. Geld ist limitiert. Irgendjemand wird auf seinen Produktionskosten sitzen bleiben.

Fazit
Es ist schwer, den Artikel von Matthias Jenny überhaupt ernst zu nehmen. Zu oft vermischt er grundverschiedene Rechtsgüter, verwendet Begriffe unscharf. Das spiegelt leider auch die allgemeine Diskussion wider. Sie ist absolutistisch, engstirnig und bewegt sich auf dem hohen Ross der Moralität.

Eine Welt ohne Urheberschutz

Zunächst muss sich jeder, der Urheber- und Patentrecht diskutiert, folgende keineswegs rhetorische Fragen stellen:

Warum sollte jemand viel Geld, Zeit und Kraft in Innovationen stecken, wenn die Konkurrenz ohne Zeitverzögerung diese wirtschaftlich verwerten kann?

Warum sollte jemand ein Werk mühevoll erstellen (egal, ob Schriftwerk oder Musik), wenn dieser Einsatz nicht vergolten wird? Wenn sogar jeder andere unter eigenem Namen sie als eigene Werke ausgeben könnte?

Die Folgen einer Abschaffung der Urheberschutzes, wie sie einige Diskursteilnehmer fordern, wären gravierend. Kreativität fände nur noch im Amateurbereich statt. Die Qualität der Inhalte gerade im Internet sänke ins Bodenlose. Niemand hätte mehr den Ehrgeiz, eigene Werke zu verfassen. Inhalte würden, wenn überhaupt, nur noch als reine PR-Werkzeuge von Unternehmen, Parteien oder anderen Organisationen dienen. Damit wären Grundfeste einer Demokratie wie unabhängige Berichterstattung der Presse und freie Schriftstellerei erschüttert.

Urheberschutz Ja, aber andere Vermarktungswege

Verändert muss nicht das Urheberrecht werden. Vielmehr müssen die Vermarktungsstrategien angepasst werden. So sind Musiker gut beraten, ihre Musik grundsätzlich frei im Netz zur Verfügung zu stellen. Nur so erreichen sie einen Millionenmarkt. Geld verdienen können sie mit Konzerten, Werbeauftritten, Verkauf besonders gestalteter Tonträger. Ähnlich hält es sich mit Schriftwerken. Autoren können mit Lesungen, Werbung in den Werken und dem Herausgeben von gedruckten Ausgaben ihr Geld verdienen. Auf der Strecke dabei bleiben vermutlich die riesigen Verlage. Sie werden wohl gesund geschrumpft, fokusiert auf Produktion und Vertrieb der physischen Variationen der Werke.

Dem ganzen muss jedoch ein starkes Urheberrecht zur Seite gestellt werden. Nur, wenn andere fremde Werke nicht uneingeschränkt weiter verbreiten können, funktionieren Verwertungssysteme der Urheber. Und nur dann werden wir auch zukünftig qualitativ hochwertige Werke konsumieren können.

Veröffentlicht von

Thomas C. Stahl

Herausgeber von tiuz.de. Motto: Die einzige legitime Politik in einer Demokratie ist die des Volkes! Homepage

6 Gedanken zu „Ohne Urheberrecht sinkt die Qualität der Inhalte“

  1. nun, natuerlich sinkt ohne das Urheberrecht die Qualität, das ist ja aber auch ganz logisch. Jedoch sollte das Urheberrecht nicht, wie mittlerweile leider von einigen Abmahnanwälten Gang und Gebe, als Instrument gegen quasi-hilflose eingesetzt werden. Ein Urheberrecht soll den Kuenstler schuetzen, nicht unbeteiligte Handlangern einen neuen Porsche finanzieren.

  2. Grundsätzlich bin auch ich gegen Abmahnungen. Doch hängt mein Mitleid mit den Abmahn-Opfern von der Schwere des Rechtsverstoßes ab. Wer einfach ungefragt Texte z.B. anderer Blogs kopiert und sogar als seine Eigenen ausgibt, dem gestehe ich ehrlich gesagt kein Mitgefühl zu. Ganz im Gegenteil.

    Was deinen Kommentar angeht: Bitte in Zukunft deinen Namen/Nick angeben. Dann klappt es auch mit dem Backlink ;-)

  3. Es besteht, wie so oft, ein ethischer Widerspruch zwischen der gewünschten /notwendigen Kommerzialisierung und der freien Nutzbarkeit für Leser, bzw. Nutzer. Die immanente Gier, (oder auch vermeintliche Notwendigkeit) in kürzestmöglicher Zeit eine (eigene) Leistung zu erstellen, bringt viele dahin, schnell etwas zu kopieren.

    Permanente Schwierigkeiten der Urheberrechtschutzverfolgung liegen m. E. in der aufwändigen Verfolgung der Sache selbst. Wer hat schon die Möglichkeiten, ständig das Netz u./o. die Veröffentlichungen dahingehend zu prüfen.

  4. Urheberrechte müssen dem Menschen gebühren, sonst würden wir doch gar nicht mehr anerkennen, wenn ein Individuum der gesamten Gesellschaft hilft. Gerechter Lohn für gerechtes Wirken, es obliegt jedem, sich ebenfalls so sehr um die Gemeinschaft zu mühen, als dass dies dann gerechtermaßen urheberrechtlich geschützt wird. Ich denke, wir kämen in eine schlimme Zeit, wenn (geistiges) Eigentum nicht mehr geschützt wäre. Gerade das sollte am dringlichsten gewahrt werden.

  5. Ich stelle hierzu die Gegenthese auf: Die durchschnittliche Qualität von Kunstwerken steigt, wenn der Urheberschutz entfällt.

    Das hat einen einfachen Grund: All die, die nur um Geld zu verdienen schreiben oder Musik machen, fallen weg. Es bleiben die, die aus anderen, starken, inneren Gründen Kunstwerke schaffen. Und es sind diese anderen Gründe, die für die Qualität eines Kunstwerkes sehr viel entscheidender sind als die Höhe der finanziellen Entschädigung.

    Der moralische Schutz geistigen Eigentums – also das moralische Verbot des Plagiats, der Kopie ohne Quellenangabe – ist auch ohne Staat problemlos durchsetzbar. Guttenberg hat ja nicht gegen Copyright verstoßen, und ist trotzdem weg vom Fenster.

    Zum Patentrecht siehe auch meinen Blogartikel http://libertarian.blogsport.de/2011/10/19/patentrecht-ist-ein-verbrechen/

  6. “Ohne Urheberrecht sinkt die Qualität der Inhalte” — einen größeren Blödsinn gibt es wohl nicht!

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