Im Zeichen des Pinguin

Es war ein wunderschöner Tag. Und dafür zeichnete nicht nur der wolkenlose Himmel verantwortlich. Vielmehr waren es Zahlen, die Gustav von einem Glücksmoment zum nächsten trieben. Mit freudigen Augen betrachtete er seine Statistiken der letzten Monate. Daneben liefen die aktuellen Werte in Echtzeit über seinen Monitor. Besucherzahlen, Verkaufsabschlüsse, Klicks auf Werbebanner – Gustav verdiente sein Geld mit Webprojekten. Sein Kapital waren Internetnutzer, die über Suchmaschinen wie Google auf seine Webseiten kamen, dort Werbebanner anklickten oder sogar direkt über Bestellformulare einkauften. Genüsslich lehnte er sich zurück. Ein alter Traum: Andere verdienten Geld für ihn. Mit “andere” waren natürlich seine Webseiten gemeint. Selbst Angestellte brauchte er keine.

Für jede Produktgruppe hatte er spezielle Webseiten online gestellt. Zugegeben, wirklich viel Arbeit hatte das nicht gemacht. Es ging bei ihm ja nicht um wissenswerte Inhalte. Er wollte nur eines: Verkaufen. Also hatte er über Billiganbieter Texte zu je 3 Euro in Auftrag gegeben. Bedenken, wovon denn die Autoren bei solchen Preisen eigentlich leben sollten, hatte er nach dem kurzen Anflug eines Stirnrunzelns schnell abgetan. Das war ja deren Sache.

Außerdem war die Qualität der Texte alles andere als hoch. Was Gustav jedoch nicht weiter störte. Nicht Menschen waren es, die er mit den Worten erreichen wollte. Für sie waren allein die vielen Banner und Bestellformulare gedacht. Von der Wichtigkeit seiner Webseiten musste er insbesondere Google überzeugen. Im Wettstreit mit hunderten ähnlichen Angeboten wie seinen ging es darum, so weit oben wie möglich in den Suchergebnissen zu landen. Nur dann kamen die Besucher und mit ihnen das Geld.

Gustavs Webseiten standen ganz oben. Er hatte Erfolg. Ok, ab und zu schummelte sich einer der Konkurrenten nach vorn. Doch das war mit ein paar Links auf sogenannten Satellitenseiten schnell behoben. Eigens für diesen Zweck betrieb er eine Vielzahl von Blogs bei kostenlosen Anbietern. Sie enthielten im Grunde die gleichen Texte, die er auch auf seinen Verkaufsseiten Googles Suchroboter anbot. Damit das nicht so sehr auffiel, hatte er sie durch Text-Spinner gejagt. Spinner waren Programme, die einen Text durch bloßes Wortumstellen und den Einsatz von Synonymen soweit veränderten, dass Suchmaschinen ihn als “Neu” anerkannten und in ihren Index aufnahmen. Links auf jenen Blogs wurden von Google somit als Empfehlung gewertet und erhöhten die Popularität der Haupt-Projekte.

Mit einem Grinsen musste Gustav kurz daran denken, was wohl echte Besucher zu seinen Satellitenblogs gesagt hätten. Aber dafür waren sie ja auch nicht gemacht. Im Grunde konnte er mit Fug und Recht sagen, dass Google sein bester Freund war. Zugegeben, ein Freund, den er in gewisser Weise betrog … verarschte. Aber hier ging es ums Geld – und da hört ja bekanntlich die Freundschaft auf.

Ein kurzes Zucken in der grafischen Darstellung seiner Echtzeitstatistiken rissen Gustav aus seinen Gedanken. Verwundert beobachtete er, wie die sonst so steile Linie plötzlich eine leichte Krümmung aufwies. Nicht etwa nach oben. Sie neigte sich nach unten.
Verwundert rieb er sich die Augen. Hatte sich etwa ein Konkurrent mal wieder vor seine Webseiten gesetzt? Das konnte er natürlich nicht einfach so hinnehmen. Verärgert rief er Google auf und gab nacheinander die Suchworte seiner Verkaufsseiten ein. Das Ergebnis war jedes mal das gleiche: Sie waren mit einem Schlag abgerutscht. Oben standen aber nicht seine bekannten Wettbewerber. Es waren Seiten, die bisher auf Seite 10 der Suchergebnisse aufgetaucht waren.

Ungläubig blickte er auf seine Statistik. Aus der leichten Neigung war eine Sinus-Kurve geworden. Seine Einnahmen stagnierten nicht nur, sie sanken. Schon waren es nur noch 50% des ursprünglichen Umsatzes. Besorgt machte er sich daran, Links zu setzen. Massenhaft. Er reizte sein gesamtes Satelliten-Netzwerk aus. Leider würden die Ergebnisse dieser Rettungsaktion erst in ein paar Tagen zur Geltung kommen.

Als er seiner Meinung nach genug Links gesetzt hatte, griff Gustav zum Telefon und wählte die Nummer seines besten und einzigen Geschäftsfreundes.
“Hallo Ivan. Bei mir geschehen seltsame Dinge.”
“Ja, ich weiß. Bei mir auch. Google fährt aktuell ein Update namens Penguin.”
“Aber vor kurzem gab es doch erst das Panda-Update…”
“Ja, beide Updates wirken jetzt wohl zusammen. Es ist ein Schlag gegen die gesamte SEO-Szene. Die bei Google machen ernst.”
“Was meinst du mit ernst machen?”
“Alle reinen SEO-Projekte wurden um zig Plätze herabgestuft. Links von Satellitenblogs verschlimmern die Sache sogar noch. Es ist eine Katastrophe.”

Verwirrt legte Gustav wortlos auf. “Eine Katastrophe” hatte Ivan gesagt. Die Echtzeitstatistik berührte nun fast den Null-Punkt. Null Besucher, null Umsatz. Langsam stieg in Gustav eine schreckliche Erkenntnis hoch: Er war ruiniert. Seine einzige Geld-Quelle versiegte von jetzt auf gleich. Verzweifelt rief er seine Kontoübersicht auf. Wie lange würde er noch genug Geld haben, bevor der Gang zu Amt nur noch die einzige Option war? Denn einen anderen Job würde er schwerlich finden. Etwas anderes als sein bisheriges Walten konnte er nicht. Es war doch der Goldesel schlechthin. Warum hätte er denn etwas anderes lernen sollen?

Existenzangst paarte sich mit Trotz. An allem war Google Schuld. Diese dummen Monopolisten hatten in selbstherrlicher Manier einen ganzen Wirtschaftszweig kaputt gemacht. Ohne an Leute wie ihn zu denken. Zornig rief er die Google-Suche auf. Was für Seiten das waren, die nun ganz oben gelistet waren. Die boten nicht den geringsten Mehrwert. Welcher Besucher sollte denn dort das finden, was er suchte? Google hatte sich damit ins eigene Bein geschossen … genau; viel schlechtere Suchergebnisse.

Gustav konnte nichts mehr denken. Erschöpft schlief er ein. Aufwachen würde er als jemand, den man aus dem Schlaraffenland vertrieben hatte.

Nachwort

Anfang 2012 führte Google mit seinem Panda-Update und dem später folgenden Pinguin-Update eine radikale Änderung an seinem Such-Algorithmus durch. In Folge dessen stürzten gerade jene Webprojkete in den Suchergebnissen ab, die zuvor besonders intensiv und vor allem aggressiv durch SEO (Suchmaschinenoptimierung) nach oben gedrückt wurden. Darauf hin brach ein großer Teil der SEO-Szene fast über Nacht weg. Noch heute schimpfen viele Betroffenen auf Google und sehen natürlich nicht ein, dass ihr im ersten Teil der obigen Kurzgeschichte beschriebenes Vorgehen schuld an ihrer Misere haben könnte.

Mittlerweile versuchen viele SEOs, die Schranken, die Google mit den Updates gesetzt hatte, zu umgehen. Sie setzen nach wie vor auf das alte Muster: Reine Verkaufsseiten ohne Mehrwert.

Veröffentlicht von

Thomas C. Stahl

Herausgeber von tiuz.de. Motto: Die einzige legitime Politik in einer Demokratie ist die des Volkes! Homepage

3 Gedanken zu „Im Zeichen des Pinguin“

  1. Genau diese Gustavs meinte ich in meinem Kommentar von gerade eben.
    Das ganze Google-Ranking-System ist Murks, es bewertet in keiner Weise die Qualität einer Seite, weder die inhaltliche noch die journalistische. Das muss geändert werden.

    Gustav wird immer neue Wege finden, all die Pandas und Penguins zu umgehen. Und ihm mache ich nicht mal einen Vorwurf. Das Problem liegt im System von Googles Ranking-Algorithmus, die sein Handeln überhaupt erst “sinnvoll” machen!

    PS: Echt witzig, eine Kurzgeschichte zu einem solchen Thema :-) Hat mir gefallen.

  2. Man muss Google natürlich zu gute halten, dass die Bewertung der Qualität – insbesondere bei Kriterien wie “journalistisch” – mit einem maschinellen Algorithmus sehr schwer ist und sicherlich auch recht fehleranfällig wäre.

    Ansonsten gebe ich dir natürlich recht: Gustav ist nur bedingt ein Vorwurf zu machen. Zumal sein Handeln unter juristischen Aspekten kein illegales Handeln darstellt.

  3. Nette Geschichte! Mir gefällt, dass Google nur begrenzt manipulierbar ist und die Trickser sich immer wieder neue Strategien einfallen lassen müssen, um Google zu überrumpeln.

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