Der Segen des ACTA

Es war ein wunderbarer Morgen im Leben des Wolfgang Schmidt. Nicht nur, weil die Sonne sich anschickte, einen nur von wenigen weißen Wolken verdeckten blauen Himmel zu erobern. Nein, es war seine rosige Zukunft, die mit dem heutigen Tag begann. Er hatte nach langer Zeit wieder eine Anstellung gefunden. Feste Bezüge, Sozialversicherung, zumindest mittelfristig ein sicherer Arbeitsplatz. Keine Selbstverständlichkeit in der Sicherheitsbranche. Vorbei die Zeit unregelmäßiger Nachtjobs in Diskotheken oder auf Festivals. Endlich konnte er sein Leben länger planen als bis zum nächsten Monat.

Zu verdanken hatte er das einem Abkommen, das einst auf internationaler Ebene beschlossen und seitdem stets den Anforderungen der Musik- und Filmindustrie angepasst wurde: ACTA. Von nun an würde er sich nicht mehr mit versoffenen Halbstarken herum prügeln müssen. Sein Wirken diente jetzt einem höheren Zweck: Dem Schutz der Rechte anderer. Er war, wenn man es so sehen wollte – und er wollte es – ein Diener des Gesetzes.
Sein Büro lag im fünften Stock eines imposanten Baus mitten in Berlin. Aus dem Fenster konnte er den Reichstag und das Kanzleramt sehen. Fast so, als wollten die Planer des Gebäudes dessen Insassen stets vor Augen führen, wem sie ihre neue Tätigkeit zu verdanken hatten.
Lässig schwang sich Wolfgang in seinen Sessel. Sensoren nahmen automatisch wahr, dass sich jemand an den Schreibtisch begeben hatte. Automatisch fuhren diverse Systeme hoch. Allen voran sein Cloud-Terminal. Über dieses hatte er Zugriff auf jenen Großrechner im Keller, der sein wichtigstes Werkzeug darstellte. Sein Schlagstock, wie er ihn für sich nannte. Unablässig durchforsteten Crawler, spezialisierte Suchroboter, das Internet nach Urheberrechtsverstößen. Zugleich liefen Unmengen an Überwachungsdaten aus Vorratsdatenspeichern diverser Provider ein. Sie übermittelten auf Abfrage jedes Quäntchen an Kommunikation an den SDUR – Sicherheitsdienst für Urheberrecht. Wolfgangs Aufgabe war es, im Falle eines Urheberrechtsverstoßes den Außendienst zu koordinieren.
Seitdem der Staat Teile seiner Gewalt in private Hände legte, konnten noch effektiver die Rechte der Musikindustrie gewahrt werden. Gleichzeitig wurde der Steuerzahler entlastet. Denn der SDUR wurde ausschließlich von den angeschlossenen Unternehmen finanziert. Eine Win-Win-Situation.

Der Tag verlief ruhig. Nur selten musste Wolfgang Meldungen des Großrechners überprüfen. Beinahe bedauerte er diesen Umstand. Etwas mehr Abwechslung hätte ihm gut getan. Er liebte es, die Außenteams zu koordinieren.
Während er in Gedanken aus seinem Bürofenster über die Stadt schaute, blinkte plötzlich eine Warnmeldung auf. Die Warnmeldung: Ein Rechtsverstoß. Mit einem Satz richtete er sich auf. Die Gedanken wie weggeblasen, spulte er nun das so oft geübte Prozedere ab. Statusmeldung ins System setzen, Außendienst benachrichtigen, Bericht über die Rechtsverletzung verfassen. Auf seinem Bildschirm erschienen nur wenige Augenblicke nach der Warnung erste Informationen über den Rechtsverletzer; für sich nannte er diese Subjekte Verbrecher. Ein 20 Jähriger Mann aus einem kleinen Dorf bei München hatte geschützte Filmdateien in seinen Cloud-Speicher geladen. An sich kein Regelverstoß. Jedoch hatten andere Familienmitglieder Zugriff auf den Speicher. Das ergab eine erste Schnellüberprüfung der zur Verfügung stehenden Verbindungsdaten.

Mit einem zornigen Schmunzeln quittierte er die OK-Meldung für den Außendienst. Schnell loggte er sich in den Einsatz-Stream ein. Stets trug ein Mitglied des Teams eine Helm-Kamera. Die Männer und Frauen waren soeben dabei, sich mit einem Rammbock Zutritt in die Wohnung des Verbrechers zu verschaffen. Splitter stoben auseinander, als die Eingangstür in Einzelteile zerfiel. Erstarrt saß der Mann vor einem altertümlichen PC. Ungläubig blickte er dem Einsatzteam entgegen.
„Sie sind hiermit festgenommen. Wir überführen Sie in die Haftanstalt Feldmoching Süd.“ rief der Einsatzleiter in den Raum. Das erwähnte Gefängnis wurde vom gleichen Dienstleister betrieben, bei dem auch Wolfgang angestellt war. Zwei Männer stürmten auf den jungen Mann zu, zerrten ihn von seinem Stuhl und drückten ihn zu Boden. Kurz schwenkte die Kamera von der Szene weg, zeigte Teile der Wohnung. Wolfgang grinste dabei wissend in sich hinein.
Seit der Erstürmung der Wohnung waren nur wenige Augenblicke vergangen. Der Verbrecher geriet wieder in den Erfassungsbereich der Kamera. Er hatte jeden Widerstand aufgegeben, das zeigten seine gebrochenen Augen. Ende des Streams.

Gut gelaunt klickte sich Wolfgang in sein Überwachungsprogramm zurück. Der nächste Rechtsverstoß würde nicht lange auf sich warten lassen. Dafür sorgten schon die strickten Regeln, die seit ACTA und Dank bester Lobbyarbeit nach und nach Einzug in das offizielle Urheberrecht gefunden hatten. Von den internen Regeln der Medienindustrie ganz abgesehen.

Nachwort

ACTA ist in aller Munde. Auch wenn das internationale Abkommen bisher in Deutschland nicht ratifiziert wurde, stellt es über Umwege dennoch eine Gefahr dar. Wie sich Internet und Gesellschaft verändern könnten, wenn ACTA auch hier zu Lande Geltung erlangen würde, habe ich in einer Kurzgeschichte fest gehalten. Dinge, die dort eventuell wie Fiktion anmuten, sind gar nicht mal so weit her geholt.

Hier einige Links, die – denkt man zu ende – erschreckende Entwicklungen aufzeigen:
Private Polizeiwache in Großbritannien: G4S, übernehmen Sie! (spiegel.de)
Privatisiertes Gefängnis in Deutschland: Justizvollzugsanstalt Hünfeld (wikipedia.de)
Infos zum ACTA-Abkommen: Kampf gegen Piraterie oder Zensur? (tagesschau.de)

Veröffentlicht von

Thomas C. Stahl

Herausgeber von tiuz.de. Motto: Die einzige legitime Politik in einer Demokratie ist die des Volkes! Homepage

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