Kritik am Billigjournalismus ist scheinheilig

Der Journalismus steckt in der Krise. Keine andere als diese Erkenntnis beherrscht seit einigen Jahren Feuilletons und Blogsphäre. Schwergewichte der Printpresse gehen pleite, die wenigsten erwirtschaften noch hohe Gewinne. Damit einher geht ein rasanter Verfall der Qualität. Doch ist die Kritik daran wirklich gerechtfertigt?

Wenn die Presse über Content-Portale herzieht

An einem jüngeren Artikel auf Spiegel Online wird deutlich, wie groß der Graben zwischen Realität und Ideologie ist. Die Huffington Post sei bestückt mit Inhalten, die einzig auf die vorderen Plätze in Suchmaschinen abzielen. Zwischen den Zeilen wird die Abscheu des Autors vor diesem Gau des Journalismus deutlich.

Doch wird in dem Artikel natürlich beflissentlich verschwiegen, dass auch Spiegel Online keineswegs ein Leuchtturm des Qualitätsjournalismus ist. Besonders Top-Themen, die über längere Zeit aktiv sind, offenbaren die Krux: Teilweise finden sich auf dem Nachrichtenportal auf einen originellen Beitrag zehn Texte, die lediglich aus verschiedenen vorangegangenen Artikeln zusammen geklaubt wurden. In einigen Fällen enthält allein der Anreißer halbwegs neue Informationen.

Selbst dort, wo sich ein – vermuteter – Journalist an die Tastatur gesetzt hat, fällt es zuweilen schwer, dem ganzen das Prädikat “Journalistisch” zu verleihen. Zunehmend halten Populismus und Oberflächlichkeit Einzug. Wie zuletzt zum Thema Euro.

Die Leser wollen es nicht anders

Doch allein die Schuld bei den Verlagen zu suchen wäre zu kurz gegriffen. Zwar sind sie es, die letztendlich über Sparmaßnahmen und einengender Effektivität jeden Keim kreativen Schreibens ersticken. Doch reagieren sie letztlich nur auf den Markt. Und der macht klipp und klar deutlich, dass gute Inhalte nicht mehr gewürdigt werden.

Es sind die Leser, die letztendlich darüber bestimmen, was auf Nachrichtenportalen steht. Nicht etwa über Leserbriefe/Kommentare. Nein, der Geldbeutel ist ihr schlagkräftigstes Argument. Sie bekommen, wofür sie bereit sind, zu bezahlen.

Gerade im Internet tendiert die Bereitschaft, für guten Journalismus auch Geld auszugeben, gegen Null. So sind die Verlage darauf angewiesen, ihr Angebot mit dem Verkauf von Anzeigen zu finanzieren. Jedoch sind hierbei die Margen so gering, dass ein mit dem Print-Bereich vergleichbarer Mitarbeiterstab schlichtweg nicht bezahlbar ist. Gleichzeitig sinken aber die Abonnenten- und Verkaufszahlen gedruckter Presseerzeugnisse. Die Folge: Die Verlage müssen sparen. Was letztendlich zu Lasten der Qualität geht.

Vor diesem Hintergrund ist die Kritik der Leser an mangelnder journalistischer Qualität die scheinheiligste. Sie regen sich über die schlechte Presse auf und bedenken dabei nicht, dass sie es sind, die durch ihr Konsumverhalten die Inhalte bestimmen.

Veröffentlicht von

Thomas C. Stahl

Herausgeber von tiuz.de. Motto: Die einzige legitime Politik in einer Demokratie ist die des Volkes! Homepage

2 Gedanken zu „Kritik am Billigjournalismus ist scheinheilig“

  1. Sehr geiler Artikel, danke dafür. Dass es an den Lesern selbst liegt, glaube ich schon. Jedoch werden diese nicht ausschlaggebender Punkt für die Inhalte sein. Denn bei der Qualität ist immernoch der Schreiber gefragt. Natürlich kommt es auch darauf an, wie viel Zeit zur Verfügung steht, um einen Text fertigzustellen. Doch wie sich der Journalist diese einteilt, ist immernoch ihm überlassen. Und die Zeit zum Umschreiben von Texten könnte ebensogut zur Recherche verwendet werden.

    Zum Großteil, denke ich, kommen die Inhalte von weiter oben. Ich denke, uns wird nicht alles gesagt, was uns vielleicht gesagt werden sollte. Wir werden schön dumm gehalten und so interessieren sich die Leute eben nicht für Politik, sondern für… keine Ahnung… Kreuzworträtzel und Kurzgeschichten über Prostituierte oder ähnlich aussehende junge Damen, ohne jetzt Namen oder Zeitschriften nennen zu wollen. Die Leute wollen gar nichts anderes. Und wer doch was wissen will, der beließt sich inzwischen kostenlos im Internet. In den Zeitungen steht zu dem Thema ja eh nichts….

  2. In der Tat betreiben Presse-Medien stets auch eine Auswahl (Selektion) der Themen bzw. Inhalte. Dabei geht, je nach politischer Motivation des “Journalisten”, das eine oder andere an Information unter. Dieser Vorgang ist zumeist nicht einmal bewusst gesteuert. Es sind eben alles nur Menschen :-)

    Zu dem Thema arbeite ich derzeit an einem umfangreicheren Werk. Aktuelle Infos dazu wie immer hier oder via Twitter.

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