Kinderöffentlichkeit – ein Begriff der Alternativpädagogik

KD: Was meine ich damit?
Kinder sind von allen politischen Entscheidungen genauso betroffen wie Erwachsene. Nur haben sie keine Möglichkeit, eigene Vorschläge oder Protest zu äußern, auch ihre Eltern haben keine politischen Stimmen zusätzlich, “nur” weil sie Kinder haben.
Kinderöffentlichkeit bedeutet also, dass Kinder ihre Bedürfnisse öffentlich äußern können und diese auch berücksichtigt werden. (Braucht die Stadt Nürnberg ein WM-taugliches Stadion wirklich dringender als renovierte Schulhäuser, Sprachlernkurse, Schulweghelfer?)
Kinderöffentlichkeit muss durch Nicht-Betroffene (also Erwachsene) hergestellt werden, kann aber nur von Kindern inhaltlich gefüllt werden, sie darf nicht auf bestimmte Orte und Zeiten beschränkt sein und muss alle gesellschaftlichen Schichten umfassen. Kinderöffentlichkeit ist Selbstzweck und darf nie den Interessen Erwachsener dienen (geschichtliche Beispiele: Aufmärsche der HJ, Junge Pioniere).
Eine Nachrichtensendung für Kinder ist Informationsquelle, aber keine Kinderöffentlichkeit, manche Sendungen (Montagsmaler, Mini-Playback-Show) dienen nur der Belustigung der Erwachsenen.
Grundlegend für die Wahrnehmung von Kinderöffentlichkeit sind Selbstorganisation, Öffnung von Erfahrungsräumen, und freie Betätigung der Sinne. Sie würde in nachwachsenden Generationen den Grundstein zu wirklicher Demokratie legen, an der sich Bürger auch innerlich beteiligt fühlen.

TC: Eine Frage stellt sich mir dabei jedoch: Wie soll man den von Eltern unbeeinflußten Willen der Kinder feststellen? Aus eigener Erfahrung (ich bin allerdings kein Pädagoge) werden besonders Kleinkinder von den Aussagen ihrer Eltern in ihrem Denken gesteuert. Sie geben lediglich die Meinung des Papas oder der Mutti wider. Würde ihre Stimmen in die demokratische Willensbildung einfließe, käme den Eltern indirekt ein höheres Stimmgewicht zu, als Bürgern ohne Nachwuchs. Dies verstöße gegen den Grundsatz der Gleichwertigkeit.
Bei älteren Jugentlichen, die vielleicht schon eine mehr oder weniger eigene Meinung gebildet haben, befürchte ich zudem, daß sie sich keineswegs für renovierte Schulgebäude interessieren, sondern eher für eine neue Schuldisko.

KD: Das Problem des von außen beeinflussten “freien” Willens ergibt sich sicherlich, als Mutter muss ich dazu sagen, dass Kinder gewiss nicht immer den Willen ihrer Eltern wiedergeben, manchmal erst recht das Gegenteil! Später sind es Erzieher / Innen und Lehrer / innen und im Jugendalter die Peer-Group, die mit ihrer Meinung richtungweisend sein können. Wenn Kinder aber von klein auf, auch in der Familie, lernen, ihre eigenen Wünsche gleichberechtigt äußern ( das heisst nicht in allen Fällen vorrangig durchsetzen!) zu können, lernen sie auch, einen eigenen Willen erst mal zu HABEN. Und das nicht nur in abgeschirmten Kinderbereichen ( Ghettos mit Namen Kindergarten, Krabbelgruppe, Elternhaus) sondern auch öffentlich (Schule). Kindheit wurde privatisiert, in abgetrennte gesellschaftliche Räume gedrängt, wo sie möglichst nicht auffällt, eben Krabbelgruppe, Kindergarten, Schule. Wo Kindheit heute öffentlich ist, stört sie, zu laut, zu teuer, machen Alles kaputt.
Man muss und kann auch mit Kindern diskutieren, nicht von oben herab, abfällig, sondern auf einer Ebene. Natürlich haben Erwachsene eine größere Lebenserfahrung und bei Kindern im Vorschulalter auch bessere Informationsquellen. Auch der Wille vieler (aller?) Erwachsenen wird in gewissem Maße von außen beeinflusst: durch die Medien, die Information aufbereiten und verbreiten, durch Politiker, Vorbilder aus Philosophie / Literatur oder auch Sport. (Auf Letzteres baut die ganze Werbeindustrie!)

TC: Vielleicht liegt hier ja das eigentliche Problem unserer Zeit: Die Kinder sind nicht (mehr?) in eine Gemeinschaft eingebunden. Würde sich ein jeder Bürger in gewissem Maße um unsere Kinder kümmern – also sie letztendlich als Menschen wahrnehmen – gäbe es die hier angesprochenen Probleme vielleicht nicht. Es entstünde eine “Geburts-Gemeinschaft”.
Doch umsetzen läßt sich dies kaum. Denn es scheitert an den Eltern. Was passiert denn, wenn man einem Kind auf der Straße aufzeigt, was richtig ist und was falsch? Die Mutter schießt um die Ecke und nörgelt etwas von “Das ist mein Kind, lassen sie es in ruhe!”. Ich plädiere keinesfalls dafür, daß die Erziehungsrechte der Eltern untergraben werden sollen. Doch muß jedem Bürger die Möglichkeit gegeben sein, auch fremde Kinder zurecht zu weisen, ohne im schlimmsten Fall gleich vor Gericht zu landen.
Wir müssen weg kommen vom Gedanken, Kinder seinen das Eigentum der Eltern. Wenn sie in der Öffentlichkeit wahr genommen werden sollen, muß die Gemeinschaft auf sie ebenfalls direkt wirken können. Nur so werden Kinder zu vollwertigen Mitgliedern.

KD: Es geht ja auch nicht um die völlige Freiheit für Kinder (ein häufiges Missverständnis!). Auch sie sollen und müssen lernen, dass es Pflichten gibt und ich diskutiere nicht mit meinem Kind, ob es nun in die Schule gehen will! Ich muss auch Manches tun, was mir keinen Spaß macht.
Das ist überhaupt eine Einstellung, die man vermitteln sollte: Nicht Alles kann Spaß machen und man kann nicht nur tun, was Spaß macht und den Rest liegen lassen.

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