Ernstfall Onlinespiel

Wenige Augenblicke brauchte ich, um meinen Entschluss, diesem frechen Bengel eins auszuwischen, in die Tat umzusetzen. Wie hatte er mich noch genannt? Einen blöden Noob, der eh nichts kann. Kurz darauf hatte er versucht, einen Großteil meiner Dörfer einzunehmen. Nun gut, bald würde er sehen, wie viel „Noob“ in mir steckt. Wie in Zeitlupe senkte sich mein Zeigefinger auf die satt klickende Maustaste. Auf meinem Bildschirm erschien ohne Zeitverzögerung die Meldung „Du greifst nun Spieler Damageking an“. Es war eine volle Breitseite. Seine Dörfer und Einheiten würden sich in wenigen Stunden einer Übermacht gegenüber sehen. Katapulte würden Produktion und Militärgebäude in Schutt und Asche legen. Von seinem so hoch gepriesenen Imperium würde nurmehr Staub übrig bleiben.
Auf dem Monitor sah ich als Flashfilm den Erfolg meines Angriffs bildlich dargestellt. Rauchende Ruinen, gefallene Legionäre. Ich dachte daran, dass Methoden wie diese eigentlich als Bashing verpönt waren. Schlechtes Gewissen? Ein wenig. Doch dieser Grünschnabel sollte meine Antwort auf seine Beleidigungen spüren. Wenn er wollte, könnte er ja von vorn beginnen, neu aufbauen, was meine Legionen in Schutt und Asche gelegt haben. Wenn ihm dazu die Lust fehlte – wenn kümmerte es? Ein Verlust für die Community war er sicher nicht.

Jahre später…

Mit einem Schmunzeln blickte ich über die Schaltflächen meines Kommandopults. Vor meinem inneren Auge zogen Erinnerungen an frühere Tage vorüber. Als die Gegner noch Damageking oder TheBasher hießen. Ich hatte sie alle besiegt – und später mit ihnen Witze im Chat gerissen. Heute war alles ein wenig anders. Der Gegner hieß China und lockere Chatgespräche waren wohl nicht zu erwarten. Wie auch? Ich sprach kein chinesisch und die Asiaten verpönten die meisten euro-amerikanischen Sprachen.
Vor etwa drei Monaten hatte der chinesische Ministerpräsident sich das letzte Mal auf englisch an die Welt gewandt. Damals war es ihm wohl wichtig, dass wirklich alle ihn auch verstanden.
„Wir haben das ewige Dominanzgehabe der USA und ihrer Vasallen satt. Seit Jahrhunderten unterdrückt der Westen mein Volk, versklavte es, richtete entsetzliches Leid unter den Chinesen an. Doch diese Zeit ist nun vorbei, wir lassen uns nicht vorschreiben, wie wir unsere Politik zu gestalten haben.“. Sagte es und beendete die Übertragung.
Kurz darauf legten Marschflugkörper weite Teile Taiwans in Schutt und Asche. Ein Millionenheer überschwemmte die küstennahen Gebiete. Selbst die auf der Insel stationierten US-Truppen wurden überrannt.

Nun also sollte der Gegenschlag folgen. Ein Millionenheer entsandte die NATO nicht. Zumindest keines aus Fleisch und Blut. Kampfdrohnen, unbemannte Panzer, Kampfsatelliten und Raketen würden Rache nehmen für die Opfer des chinesischen Überfalls.
Präsident George Bush III. war vor wenigen Minuten vor die Presse getreten und hatte dem chinesischen Ministerpräsidenten harsch geantwortet.
„Wir sind weder Vasallen noch dominieren wir irgend ein anderes Volk. Der feige Angriff auf unsere taiwanesischen Freunde wird gerächt – mit aller Härte bis zum endgültigen Sieg.“.

Rotes Licht tauchte den Leitstand im brandenburgischen Potsdam plötzlich in angemessene Kriegsstimmung. Aus dem Lautsprecher tönte eine wohl modulierte Computerstimme und verkündete den Beginn der Operation „Gegenschlag“. Die letzten Wochen waren wir immer und immer wieder auf diesen Ernstfall vorbereitet worden. Hatten taktische Manöver geübt, unsere Reaktionen getestet. Nun war es soweit. Der Bildschirm vor mir zeigte eine schematische Darstellung der Lage in Taiwan. Die Insel war fast vollständig rot gefärbt. Aus den Medien wusste ich, dass jeder noch so entlegene Flecken von chinesischen Soldaten besetzt gehalten wurde. Nur vereinzelt deuteten grüne Punkte auf zivile Objekte oder die wenigen taiwanesischen Truppen hin. Diese Punkte galt es zu schonen. Sie durften keinesfalls auf Grau wechseln. Kurz kam mir der Gedanke, wie schlicht diese Art der Darstellung im Vergleich zu meinen Jugendjahren war. Doch bei der Fülle an Informationen, die mir mein Kommandopult lieferte, wäre ich an einer filmischen Flashumsetzung heillos gescheitert.

Von links hinten kam der Befehl.
„Operation starten!“.
Meine Finger bedienten das Pult wie eine Orgel. Kurze, angenehme Töne untermalten das Geschehen auf meinem Bildschirm. Eine schnelle Berührung der Schaltfläche für „Panzer Schussfreigabe“. Einige der roten Punkte wurden grau. Ein gewisses Kribbeln überkam mich. Der Ehrgeiz, auch dieses Spiel zu gewinnen, ließ die Jugenderinnerungen emotional wiederkehren. Immer mehr Rot wich dem so wunderbar neutralen Grau. Am Rand breiteten sich nun auch die grünen Flächen aus. Innerhalb weniger Stunden war die Insel von einem Flickenteppich bedenkt, aus dem die Farbe Rot zunehmend schwand.

Nach nur zwei Tagen war der Spuk vorbei und Taiwan in angenehmes Grün getaucht. Jubel brandete auf. Wir hatten einen ersten Sieg errungen. Der Gegner hatte dagegen einen herben Schlag zu spüren bekommen. Bald schon würde auch das rote Festland in grau, grün und später blau getaucht sein. Der einzige Wermutstropfen: Anders als vor Jahren würden wir mit dem Gegner diese Militäraktion nicht im Chat besprechen können. Aber die für heute Abend geplante Stammtischrunde würde es auch tun. Wir hatten viel zu bereden. Aus übermächtig scheinenden Rot-Flächen hatten wir grüne gemacht. Was für ein Erfolg.

Nachwort

Krieg findet in unserer Gegenwart für den größten Teil der Menschen allenfalls vor dem Fernseher oder in Computerspielen statt. Besonders Onlinegames geben ihn recht realistisch wieder. Diesem Trend passt sich die Rüstungstechnik offenbar an und wandelt sich. Ein ethisches Problem tut sich damit auf.

Auf die Idee zu dieser Kurzgeschichte bin ich beim lesen eines Telepolis-Artikels gekommen. Zwar spricht dieser eher die Problematik entfesselter Kriegsmaschinen an – so wie auch die Zeit einen unkontrollierbaren Roboterkrieg fürchtet. Doch sehr viel interessanter scheinen mir die Zusammenhänge zwischen heutiger Unterhaltungskultur und zukünftiger Kriegstechnik zu sein. Insbesondere die Frage von Wahrnehmung und daraus abgeleitetem moralischem Handeln sollte uns beschäftigen. Denn wie Ethik gestaltet ist bestimmt stets der Standpunkt des Betrachters.

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Diskussion (1)

  1. MickA sagt:

    Diese Technik ist schon gar nicht mehr zukünftig. Genau das wird z.B. in Afghanistan schon angewandt. Ich habe grad letzte Woche einen Bericht über einen US-Kampfflieger gesehen, der morgens “in den Krieg” zieht, mit Joystick eine Kampfdrohne bedient, und nach einem durchschnittlichen Arbeitstag wieder zurück zur Familie fährt. Er konnte also vollkommen unpersönlich mit dem Thema umgehen.

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