Ein Niedergang der demokratischen Ideale

Als vernünftige Stimme steht man zunehmend zwischen den Fronten. Als ich in einem anderen Blog schrieb, wir sollten uns zurücklehnen, da das ganze Theater bald vorüber sei, habe ich wohl nicht mit dem Fundamentalismus gerechnet. Das Theater hat sich, angeheizt von außen und innen, verselbständigt.

Längst ist der so oft beschworene Kulturkampf ausgebrochen. Interessanterweise liegt sein Anfang aber nicht nur in Scharmützeln zwischen “Westen” und “Islam”. Vielmehr ist eine erste Konfliktlinie mitten in unserer eigenen Gesellschaft aufgebrochen. In Medien und Internet – sofern man beides überhaupt noch trennen mag – treffen sich entschlossene Verteidiger der Meinungsfreiheit und Bewahrer des Respekts auf dem Schlachtfeld der Unvernunft. Beide Seiten haben ihre verbalen Waffen längst militarisiert. Teilweise kommt es gar zum direkten Schlagabtausch.
Selbsternannte “Kämpfer der Freiheit” versteigern sich dabei in Wettkämpfe und sehen nicht, daß sie damit längst den Bereich der Meinungsäußerungen verlassen haben. Die nämlich kann man nur zu bestimmten Problemen oder Tatsachen tätigen. Wenn man aber darum kämpft, wer die “besten” Bilder malt, verkündet man damit weder Kritik, Forderungen oder wichtige Informationen. In weltumspannenden Aktionen werden neue Sticheleien gegen den Islam gefordert, “damit man es den Moslems mal so richtig zeigt”. Einziger Zweck des ganzen ist die Anheizung des Konflikts. Mit Demokratie hat das nichts mehr zu tun.
Nicht besser sieht es bei den “Predigern des Respekts” aus. Mit harscher Kritik an den Veröffentlichungen der Mohammed-Karikaturen und Forderungen nach Verhaltenskodizes für Presse und Internet gibt man den Islamisten den nötigen Stoff für ihre Hetze. Ja sogar Zensur im Dienste politischer oder wirtschaftlicher Interessen ist mittlerweile im Gespräch.
Zwischen den Reihen der Gegner tummeln sich allerlei Propheten in eigener Sache. Unausweichliche Folge der Globalisierung sei die Krise. Allein mit Anpassung könne dem Konflikt ausgewichen werden. Andere wiederum benutzen die aufkochenden Gefühle in der Bevölkerung für ihre ausländer- und religionsfeindlichen Ziele.
Egal, welche der Seiten gewinnt: Stehen nicht die Vernunftbegabten am Ende als Sieger da, wird es zum Kalten Krieg zwischen Westen und Islam kommen. Der einzig begehbare Weg kann und darf darin bestehen, für die eigenen Werte ohne Wenn und Aber einzustehen, ansonsten aber in den Dialog einzutreten – auch innerhalb unserer Gesellschaft.

Veröffentlicht von

Thomas C. Stahl

Herausgeber von tiuz.de. Motto: Die einzige legitime Politik in einer Demokratie ist die des Volkes! Homepage

2 Gedanken zu „Ein Niedergang der demokratischen Ideale“

  1. Ich sehe und spüre natürlich diese Spannung. Und ich vermute, dass diejenigen ruhiger schlafen, die an den Schrauben der Eskalation drehen. Aber ich kann nicht anders und ich mache das nicht anders.

    Harsche Kritik würde ich an den Original-Karikaturen nicht üben. Aber im Sinne des deutschen Pressekodex wären sie wohl verzichtbar gewesen. Das ist aber inzwischen sowieso völlig egal, denn die Ausschreitungen und Unruhen sind ja nicht wegen der “echten” Bilder entstanden.

  2. Leider ist der “kalte” Krieg schon da, und der “heiße” Krieg steht in den Startlöchern – was es unbedingt zu verhindern gilt. Was tun?

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