Diskussionskultur in Deutschland

Demokratie beschreibt, im Gegensatz zum heute manchmal verkürzenden Gebrauch des Begriffs auf Menschenrechte, einen Herrschaftsmodus. Genauer, auf den Volkswillen gestützte politische Entscheidungen. Diese werden gewöhnlich in Abstimmungen getroffen und spiegeln Günstigstenfalls einen sogenannten Allgemeinwillen wieder. Dieser ominöse Wille aber ist Gegenstand von Verehrung wie Anfeindung zugleich. Besonders letzteres ist einer unumgänglichen Problemfrage geschuldet: Wie kommt er zustande?

Genau hier betreten wir den eigentlichen Inhalt von Demokratie. Sie beschränkt sich nämlich keinesfalls auf bloße Wahlen oder andere Abstimmungen; jedenfalls sollte sie dies nicht. Vielmehr gehört eine allumfassende und allgegenwärtige Diskussion innerhalb des Volkes als Ausgangspunkt aller Politik dazu. Im steten Meinungs- und Argumenteaustausch finden einzelne Bürger zueinander, passen ihre Ansichten neu gewonnenen Erkenntnissen an und kommen so über den Weg der Reflektion zu einer mehr oder weniger mehrheitsfähigen Willensbekundung. Soweit die Theorie.

In der Realität des heutigen Deutschlands sieht die Sache leider anders aus. Davon abgesehen, daß unser Staat im Grunde keine echte Demokratie ist, stehen sich zudem eine Vielzahl gegensätzlicher Interessen gegenüber. Obwohl auch wir Deutsche vernunftbegabte Menschen sind – oder sein sollten – kommen wir nur in wenigen Fällen auf einem Nenner zusammen. Wo liegt das Problem?

Persönlich wird, wer keine Argumente mehr hat

Betrachtet man die Diskussionskultur in Volk und Politik, kann man die Frage schnell beantworten. Anstatt sachlich und argumentativ auf Gegensatzgespräche einzugehen, werden die meisten persönlich. Beinahe sympathisch sind dabei jene, die nach einer guten Diskussion wegen Argumentlosigkeit ihren Gesprächspartner angehen. Sie haben lediglich nicht gelernt – oder verlernt -, wann man auch mal aufhören muß.
Denn im demokratischen Disput gibt es letztlich keine Verlierer. Welche Ansicht am Ende zu Wirklichkeit kondensiert, entscheidet sich in den darauf folgenden Abstimmungen. Unbedingte Überzeugung des Anderen und verbissene Verfechtung eigener Standpunkte sind deshalb gar nicht Ziel des ganzen. Es geht nur darum, Argumente und Gegenargumente ins Feld zu führen, die man auch bei gegensätzlicher Auffassung zu würdigen bereit sein muß. Ist man dieser Vernunft fähig, kristallisiert sich von ganz allein eine Metameinung – also eine von vielen, zuvor in “Gegnerschaft” stehenden Bürgern vertretene Meinung.

Totalitarismus moderner Art

Verabscheuungswürdig und gefährlich für Deutschland und seine Bürger ist dagegen die Diskussions(un)kultur auf öffentlicher Ebene. Hier wird vor allem bei bestimmten Themengebieten nicht einmal mehr der Schein gewahrt. Sofort springen selbsternannte Wächter des Diskurses in die Bresche und überziehen jene, die ihre Meinung äußern, mit Schmähung und persönlicher Verunglimpfung. Sehr gern etwa werden die Termini Rechtsextremismus, Fremdenfeindlichkeit, Antisemit oder Demokratiefeind verwendet. Sie stellen das Opfer mit brutaler und absolut wirkender (Staats)Gewalt ins politische wie gesellschaftliche Abseits. Die so bekämpften Meinungen oder gar Argumente mutieren plötzlich zu Unaussprechlichem.
Davon, Gegenargumente zu finden, auf sein gegenüber einzugehen und die letztendliche Entscheidung dem Souverän (d.i. das Volk, auch wenn es in Deutschland nicht so aussieht) zu überlassen, halten die Wächter nichts. Vermutlich befürchten sie – zu recht – politischen Machtverlust und den Zustand, nicht mehr Tonangebend zu sein. Dies läßt nicht zufällig Erinnerungen an George Orwells “1984” aufkommen.

Nur leider läßt diese zwingende Ähnlichkeit mit totalitären Systemen nur bei wenigen eine Gänsehaut über den Rücken laufen oder gar Gefühle des Widerstandes aufkommen. Der Grund hierfür ist schnell ausgemacht: Unsere Gesellschaft ist durchzogen von Tabus und Sozialer Erwünschtheit. Ein Zustand, in dem der Staat langsam und qualvoll erstickt. Längst ist sein Ende oder der sprichwörtliche große Knall auszumachen. Wenn es soweit ist, bleibt zu hoffen, daß jene Elemente, die tatsächlich extremistisch gleich welcher Richtung sind, nicht die Oberhand gewinnen. Dann nämlich wird Demokratie nur noch eine blasse Erinnerung an vergangene Zeiten sein. Wenigstens werden wir die Verantwortlichen für diesen neuerlichen Niedergang Deutschlands kennen: Die selbsternannten Wächter politischer Diskussionen.

Veröffentlicht von

Thomas C. Stahl

Herausgeber von tiuz.de. Motto: Die einzige legitime Politik in einer Demokratie ist die des Volkes! Homepage

2 Gedanken zu „Diskussionskultur in Deutschland“

  1. Warum wurde der Beitrag Herbert v. Arnims “Deutschland ist keine echte Demokratie mehr”
    so schnell entfernt, während nichtssagende Berichte etc. oft den ganzen Tag lang zu sehen sind? Ist das Absicht, um ds Lesen kritischer Stimmen zu erschweren?
    Dann hätte v. Arnim recht! Nicht nur politisch sind wir keine echte Demokratie, sondern auch keine, was Information betrifft! Vielmehr ist Deutschland eine immer mehr verkommende Bannanenrepublik uns eine Parteibonzen-, Parteien- und Beamtendiktatur!
    Armes Deutschland!

    MfG

    M. Kreisel

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