Die Freiheit, zu meinen, was andere für gut befinden

Dort draußen vor der Bühne standen sie, jene Menschen, denen Freiheit noch etwas wert war. Die sich nicht vom Mehrheitsmob eine bestimmte Meinung aufzwingen ließen. Sie redeten angeregt miteinander. Nicht selten hörte ich aus dem Stimmengewirr meinen Namen erklingen. Es ließ mir einen wohligen Schauer den Rücken herunter laufen.

Mit sicherem Schritt ging ich auf die Treppenstufen zu. Sie würden mich auf die leichte Erhöhung bringen. Scheinwerfer hoben sie vom Rest des Saals ab. Die Gäste auf dem Parkett schätzte ich auf etwa 100, vielleicht auch 150. Erwartungsvolle Gesichter wandten sich mir zu, als ich die letzte Stufe nahm und auf den bereit gestellten Stuhl hinter einem recht großen Tisch zu hielt. Vor dem Ensemble stand eine Gruppe Männer. Einen von ihnen erkannte ich. Es war der Organisator dieser Veranstaltung. Sein düsterer Blick überraschte mich wegen des Kontrastes zum Publikum. Was war los? Drei weitere Männer umringten ihn im Halbkreis. Waren sie der Grund?

Mein Schritt wurde etwas weniger entschlossen. Etwas stimmte hier ganz und gar nicht. Als ich die Gruppe erreicht hatte, erhob der Organisator das Wort.
„Herr Schmidt.“, begann er mit bleichem Gesicht und entschuldigendem Tonfall, „Wir müssen die Veranstaltung leider absagen.“.
Ich hörte die Worte, konnte sie aber nicht verstehen; besser, wollte sie nicht fassen. Gegen alle Widrigkeiten hatte ich nach zahlreichen Absagen doch jemanden gefunden, der bereit war, mir ein Forum zu gewähren. Endlich konnte ich meine vor kurzem in einer Wochenzeitung veröffentlichten Thesen zur Integrationsunwilligkeit insbesondere muslimischer Migranten zur Diskussion stellen, sie vor den Bürgern dieses Landes verteidigen. Und nun gab mir jener zunächst als Retter erschienene Mann zu verstehen, dass es auch dieses Mal nicht klappen würde?
„Und weshalb, wenn ich fragen darf?“.
„Nun, die Damen und Herren hier…“, er zeigte auf die hinter und neben ihm stehenden, „…haben mir die Folgen deutlich gemacht, die Ihr Auftritt für mich entstehen lassen würde. Verstehen Sie mich bitte, ich bin von Aufträgen der Stadt und anderer öffentlicher Institutionen angewiesen. Ohne diese müsste ich mein Geschäft aufgeben.“.
Fast weinerlich brachte der Organisator seine Worte hervor. Ihm war all zu deutlich anzusehen, wie sehr ihn diese Entwicklung anwiderte. Hätte er frei von ökonomischen Zwängen entscheiden können, den drei Männern wäre wohl nur ein erfolgloser Abgang übrig geblieben. So aber…
Langsam nickte ich. Verstand, was hier vorging. Meine Thesen passten nicht in das sorgfältig aufgebaute Gerüst der Öffentlichen Meinung. Sie gruben am Fundament der politischen Klasse. Eine ihrer wichtigen Säulen, auf die sie ihre Macht gegenüber der Bevölkerung stützte, nämlich die Deutungshoheit über das, was richtig und was falsch war, drohte einzustürzen. Also tat sie alles, um mich aufzuhalten, mich mundtot zu machen.
Sie hatten Erfolg. Resigniert kehrte ich ohne ein weiteres Wort den Männern den Rücken zu. Ein kurzer trauriger Blick galt den Menschen im Saal, die nun verstummt waren und ungläubig meinen Abgang bemerkten. Viele Augen schweiften zwischen der Gruppe Männer und mir her. Erkenntnis sah ich in ihren Blicken. Sie erfassten sofort, was hier Sache war.
Buh-Rufe und Pfiffe brandeten auf. Gegen die Männer auf der Bühne, die mit trotzigem Blick in die Menge schauten, als wollten sie die Protestierenden identifizieren um ihnen ihre Strafe zukommen zu lassen. Ich hatte mittlerweile die Bühne verlassen und hielt auf meine Kabine zu, in der ich mich nur wenige Minuten zuvor noch auf meine Rede vorbereitet hatte. Aus den Augenwinkeln nahm ich wahr, dass vereinzelt Gegenstände auf die Bühne zuflogen. Hastig zogen sich die Männer zurück, ihr trotziger Blick war ihnen mit einem mal abhanden gekommen.

In der Kabine lief ein Fernseher. Einer der größeren Sender war zu sehen. Gerade als ich mich nachdenklich in einen der Stühle setzte, um meine Utensilien auf dem kleinen Schreibtisch zusammen zu sammeln, wurde das laufende Programm unterbrochen. Das Konterfei des auch mir bekannten Haupt-Nachrichtensprechers erschien.
„Sehr geehrte Zuschauer, wir unterbrechen unser laufendes Programm für eine Eilmeldung. Ein in der Kritik stehender Populist wurde am heutigen Abend von seinem eigenen Publikum mit einem Pfeifkonzert vertrieben. Es sollen sogar vereinzelt Gegenstände auf ihn geworfen worden sein.“.
Kurze, schnell auf einander folgende Szenen aus dem Saal untermalten die Worte des Nachrichtensprechers. Ohne den entsprechenden Blick auf das Ganze sah es tatsächlich so aus, als wäre ich tatsächlich von meinen Gästen lautstark nach Hause geschickt worden. Die Szene wechselte und das Konterfei eines bekannten Politikers erschien. Vor offenbar eilig herbeigerufenen Reportern verkündete er seine Reaktion auf das Geschehen und berief sich darauf, für seine gesamte Partei zu sprechen.
„Wir sind erleichtert, dass die Bürger dieses Landes mit Populisten nichts am Hut haben. Sie sollten nun endlich begriffen haben, dass ihre Meinung nicht erwünscht ist.“.

Den Rest beachtete ich schon gar nicht mehr. Mit versteinerter Miene nahm ich das Grundgesetz, dass ich stets in meinen Unterlagen führte, zur Hand. Ich schlug die erste Seite auf. Mein Blick wanderte auf Artikel vier. Verbittert murmelte ich die dort stehenden Worte.
„Die Freiheit des Glaubens, des Gewissens und die Freiheit des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses sind unverletzlich.“.
Darunter Artikel 5.
„Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten…“.
Eine Träne rollte mir die Wange herunter, als ich die Seite aus dem Buch riss. Mit zitternden Händen zerknüllte ich sie. Ihr neues Heim war fortan der Mülleimer.

Nachwort

Deutschland ist ein Land, in dem Meinungsfreiheit herrscht? Nun, nicht ganz. Überall, wohin man blickt, wird das, was man in Deutschland sagen oder schreiben darf, beschnitten. Eher selten vom Staat durch Gesetze oder Restriktionen. Es ist die Gesellschaft, die sich selbst zensiert. Wie aber fühlen sich jene, die in ihrer Freiheit beschnitten werden?

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Diskussion (2)

  1. thomas sagt:

    o_O das gibts ja wohl nicht! Ist das eine wahre Geschichte?! Ich bin empört!… allerdings nicht überrascht… aber so macht natürlich alles Sinn… ich bin sprachlos

    Das muss eigentlich genauso bekannt werden wie WikiLeaks! Es ist fast genauso wichtig!

    Außerdem möchte ich noch anmerken, dass dieser Text äußerst fesselnd geschrieben ist. Kompliment dafür! Ich hatte Gänsehaut und mein Mund stand offen…

  2. Thomas C. Stahl sagt:

    Es ist eine fiktive Kurzgeschichte, die sich auf wahre Begebenheiten bezieht. :-)

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