Die Egalität und Wichtigkeit der TV-Duelle

Wie schön haben sie doch miteinander gestritten, gefeixt und gewitzelt. Eine Sternstunde der Mediengeschichte spielte sich vor unseren “verwählten” Augen ab, als Merkelchen und Schrödilein im großen Sandkasten sich vor 21 Millionen Spielkameraden im Schlamm wälzten. Von großer Zukunft Deutschlands war da die Rede; von Ideen, Lösungen und Vorhaben. Und tatsächlich hatte man schnell den Eindruck, jetzt könne nichts mehr schief gehen. Denn vernünftig und einleuchtend boten beide Kandidaten ihre Ansichten dar. Selbst ein kritischer Beobachter fände fast nichts zu bemängeln, wäre da nicht die Geisel der Demokratie: Netzwerkpolitik.

Entgegen der langläufigen (Volks-)Meinung sind es nämlich weder Regierung noch Bundestag(!), welche politische Entscheidungen herbeiführen. Zwar stimmen sie über diese ab, doch liegt die intellektuelle Entstehung in den Händen illegitimer Einflußpersonen. Ob es Gewerkschafter als SPD-Mitglieder, Abgeordnete in Aufsichtsräten oder Industriebosse als CDU-Spender sind: Vertretern der verschiedensten Verbände kommt über mannigfaltige Vernetzungen eine politische Macht zu, die ihnen in einem demokratischen System, also der chancengleichen Einflußnahme durch alle Bürger, eigentlich nicht zustehen dürfte. Selbst die oft gepriesene Unabhängigkeit der Abgeordneten kann angesichts ständigem Fraktionszwangs kein wirkliches Hindernis bieten. So fungiert der Bundestag, dem die Gesetzgebung zukommen müßte und dessen Mitglieder die Wähler legitimieren, nur noch in einer Statistenrolle als große Ablenkung.
Vor diesen Tatsachen erscheinen auch die Wahl- und sonstigen Programme der Parteien nur noch als ideologische Papierwerke. Was ein Wahlkämpfer heute verspricht, durchläuft in der späteren Verwirklichung zunächst die Mühlen des politischen Netzwerkes. Da kann man von Glück reden, wenn die ursprüngliche Idee lediglich verwässert wurde. Denn was der gesellschaftlichen “Elite” nicht paßt, wird niemals Realität – und sei es noch so Gemeinwohl- und Bürgerkonform.
So sind die neuerdings aufgekommen TV-Duelle, seien es nun Diskussionen zwischen Minister- oder Schlagabtausche zwischen Kanzlerkandidaten, eine wichtige Weiterentwicklung unserer Demokratie. Sie geben den Blick frei auf das einzige Kriterium, welches weitestgehend vom Wähler als gegeben und beständig hingenommen werden kann: Sympathie. Die Kandidaten und ihr Charakter sind das alleinige demokratische Moment deutscher Politik. Auf ihre spätere Wahl zum Bundeskanzler kann man sich (noch) verlassen.

Veröffentlicht von

Thomas C. Stahl

Herausgeber von tiuz.de. Motto: Die einzige legitime Politik in einer Demokratie ist die des Volkes! Homepage

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