Die Bedeutung des Open Directory Projekts (ODP)

Was passiert, wenn das größte und bedeutendste Internetverzeichnis der Welt nicht mehr bearbeitet wird? Nun, man kann die Antwort dieser Tage erleben. Denn Editoren und andere Pfleger des Webkatalogs können seit dem 20 Oktober dieses Jahres nicht mehr neue Einträge vornehmen. Das mag für den einen so interessant sein, als würde in China ein Sack Reis platzen. Doch für Webseitenbetreiber, Suchmaschinenoptimierer und Internetwerbende ist dies ein großes Problem. Denn nicht nur, daß ODP – oder auch DMOZ, für Directory Mozilla – ein bedeutender Anlaufpunkt für Informationssuchende ist. Viel wichtiger ist die Tatsache, daß hunderte weitere Webkataloge, darunter z.B. auch das Google-Verzeichnis, die Daten von ODP nutzen. So beschränkt sich die Arbeit der Editoren nicht nur auf eine einzelne Webseite, sondern dürfte als ein Dreh- und Angelpunkt der Internetstruktur gedeutet werden. Zumal Google auch seine eigentliche Suchfunktion stark an den Einträgen des Verzeichnisses orientiert. Über diesen Umweg erhält diese Nachricht auch für den “normalen” Internetnutzer eine gewisse Bedeutung. Denn langfristig gesehen verändert die Havarie durchaus die Qualität der Suchergebnisse bei Google – jedenfalls fiele mit ODP ein wichtiger Stützpfeiler der Suchmaschine aus.

Warum aber kann ein einziges Projekt einen solchen Einfluß auf das Internet nehmen?
Zum einen liegt es an der Art und Weise, wie das Verzeichnis gepflegt wird. Nämlich von Hand. Es sind Menschen, die ihre Webseiten zum Eintrag vorschlagen. Ebenso menschlich geht die weitere Bearbeitung vonstatten: Editoren besuchen die vorgeschlagene Webseite, finden eine treffende Beschreibung und ordnen sie in eine entsprechende thematische Kategorie ein. Mit der Qualität dieser Arbeit können Suchmaschinen mit ihren automatisierten Suchalgorithmen nicht im Ansatz mithalten. Doch würde man den Erfolg des ODP auf diesen Grund reduzieren, müßten auch andere Kataloge wie Yahoo mit vorne an stehen. Dem ist jedoch nicht so.
Viel wichtiger ist die innere Struktur. Beim ODP arbeiten freiwillige Helfer zu hunderten an einem offenen Projekt. Theoretisch kann jeder mitmachen. Ähnlich wie bei Wikipedia, stütz sich der Webkatalog auf das Prinzip der Internet-Republik. Ohne steile Hierarchien oder überbordernde Regelwerke verwaltet er sich selbst – ganz im Sinne einer Gemeinschaft der Freien und Gleichen. Hier ist der anfängliche Traum vom Freien Internet noch Wirklichkeit. Denn eines sollte man nicht übersehen: Dort, wo unabhängige Menschen Selbstverantwortlich und nur ihrer Moral und dem selbst gegebenen Recht gehorchen, entsteht ein riesiges Potential. Es begründet Leistungsfähigkeit, Anerkennung durch alle Gruppen (es gibt keine Wettbewerber!) und Stabilität. Am wichtigsten aber ist die Unparteiischkeit beim Bereitstellen der Informationen. Noch viel stärker als bei Wikipedia ist ODP vor dem Zwang zu bestimmten Inhalten gefeit. Gelistet wird alles. Lediglich rechtliche Schranken üben einen gewissen Zensurdruck aus. Insofern stellt das ODP noch eine der wenigen Bastionen der Republik dar.

Einige negative Punkte seien an dieser Stelle jedoch ebenso erwähnt – ihre Bedeutung könnte für die Zukunft von Belang sein.
Zum einen ist ODP vollständig von AOL abhängig. Würde das Unternehmen den geldhahn zudrehen, oder die Plattform gar für eigene, kommerzielle, Zwecke mißbrauchen, könnte die Editorgemeinschaft nichts dagegen unternehmen. Lediglich durch “weiche” Community-Verträge hat sich AOL zu Nichteinmischung und Unterstützung verpflichtet.
Zum anderen melden sich zunehmend Editoren mit persönlichem Interesse an ihrer jeweiligen Kategorie an. Dies zerstört auf lange Sicht die Unparteiischkeit und Informationsvielfalt.

Im Fazit kann man dennoch vom ODP als einem der wichtigsten Internetprojekte sprechen. Es stellt in seiner Art und Weise eine republikanische Bastion dar und unterstützt damit nicht zuletzt das Demokratische System in vielen Staaten.

Veröffentlicht von

Thomas C. Stahl

Herausgeber von tiuz.de. Motto: Die einzige legitime Politik in einer Demokratie ist die des Volkes! Homepage

16 Gedanken zu „Die Bedeutung des Open Directory Projekts (ODP)“

  1. Ein schönes Loblied auf das ODP. Meine Meinung sieht da allerdings vollkommen anders aus.

    Was bietet das ODP mir als Webseitenbetreiber und SEO? Einen Link. Die Besucher über diesen Link sind knapp über 0. Man muss sich schon über Tage freuen an denen ein Besucher über das ODP kommt. Etwas interessanter ist das ODP aus Suchmaschinenoptimierer-Link. Sicherlich ist es ein netter Link. Mehr wiederum aber auch nicht. Das ODP ist sicherlich kein Stützpfeiler der Google-Suchergebnisse.

    Was bietet mir das ODP als Suchender? Listen von Links zu Webseiten eines spezifischen Themas. Das ist nett, brauche ich aber sehr selten. Ich suche zum Beispiel nach “PHP Url zerlegen”. Da brauche ich schon eine Websuche um mein Problem schnell und unkompliziert zu lösen. Da der Traffic vom ODP (und seinen “Klonen”) sehr gering ist entspricht das wohl dem Nutzungsverhalten der Allgemeinheit.

    Das ODP verliert seit Jahren an Bedeutung. Daran wird sich nichts ändern und irgendwann wird dann vielleicht Schluß sein. An die Stelle des ODP in Bezug auf menschliche Mitarbeit tritt wohl Social Bookmarking.

  2. “Etwas interessanter ist das ODP aus Suchmaschinenoptimierer-Link. Sicherlich ist es ein netter Link. Mehr wiederum aber auch nicht. Das ODP ist sicherlich kein Stützpfeiler der Google-Suchergebnisse.”

    Nunja, einen gewissen Einfluß gibt es schon:

    – Google übernimmt Titel und Beschreibung einer Webseite z.T. aus dem ODP
    – ist eine Seite im ODP gelistet, steigt sie im Ranking (Position bei den Suchergebnissen)
    – Ein Eintrag im ODP bedeutet hunderte Links aus anderen Webkatalogen – das hat Einfluß auf den Pagerank und letztendlich auch auf die Positionierung

    Daß ODP immer seltener von Internetnutzern aufgesucht wird, muß ich leider bejahen. Jedenfalls im Bereich Gesellschaft oder Gesellschaftwissenschaft erhält man durchaus bessere Ergebnisse als über Google. Insofern ist das also kontraproduktiv.

    Für die spezielle Problembearbeitung ist ODP tatsächlich eher ungeeignet. Es ist eben keine Suchmaschine, die alle Inhalte des Internets beachtet.

  3. “Google übernimmt Titel und Beschreibung einer Webseite z.T. aus dem ODP”
    Das ist oft allerdings nicht unbedingt wünschenswert und es gibt mittlerweile ja auch einen MetaTag um dies zu verhindern.

    “ist eine Seite im ODP gelistet, steigt sie im Ranking (Position bei den Suchergebnissen)”
    Das ODP gibt einen netten Link, aber man braucht letztlich wesentlich mehr nette Links um in den SERPs etwas zu erreichen.

    “Ein Eintrag im ODP bedeutet hunderte Links aus anderen Webkatalogen – das hat Einfluß auf den Pagerank und letztendlich auch auf die Positionierung”
    Es gibt hunderte Links von Webseiten auf denen ich nicht wirklich stehen möchte und die zumeist auch keinen Einfluss “mehr” auf das Google-Ranking nehmen.

    Naja, wir gehen da wohl in unterschiedliche Richtungen. Ich gebe dem ODP keine so großen Zukunftschancen. Das Internet wächst und wächst und damit sinkt auch der Nutzen solcher großen Verzeichnisse. Interessanter sind kleine stark themenspezifische Verzeichnisse als Teil einer Webseite.

  4. Ein interessanter Hinweis. Als “übergeordnete” Instanz wäre dann ein Meta-Verzeichnis denkbar, in dem die einzelnen Verzeichnisse eingetragen werden.

    Der Artikel soll auch eher auf die Politiktheoretische Bedeutung eines Projektes wie ODP hinweisen. Ob dies in Zukunft nun unbedingt ODP sein muß, steht natürlich auf einem anderen Blatt.

  5. Schöner Artikel. Wenn nicht oft angepriesen werden würde, dass Einträge aus dem ODP höher gelistet werden würden, würde ich wahrscheinlich kaum Wert auf das ODP legen, auch wenn es in seinen Grundzügen sicherlich viel Potenzial hat. Ich finde es allerdings alles andere als spannend Webkataloge und -verzeichnisse durchzustöbern und mich durchzuklicken, aber es gibt sicher auch Leute, denen das Spaß macht. Vor allem die hohe Zahl an Einträgen bremst mich persönlich davon, durchzustöbern. Kurz um: Ich habe es bisher noch nicht gebraucht und genutzt, bin aber stolz, trotzdem Teil des ODP zu sein und aufgenommen worden zu sein.

    Mit freundlichen Grüßen

    Yannic Glowitz

  6. Gibt es eigentlich irgendwo Statistiken über die Nutzung des ODP? Wer außer den Editoren selbst nutzt es denn überhaupt? Wie schon angesprochen: Ich kenne auch keine Statistiken, in denen das ODP als Referrer vorhanden ist. Wäre das ODP lediglich ein reiner PR-Lieferant, sollte man es besser aufgeben. Es kann ja wohl nicht angehen, dass Sites nur deshalb besser bewertet werden, weil man zufälligerweise das Glück hatte, dort gelistet zu werden.

  7. Kurz: ODP sucks. Ein Abschaffung zugunsten von Diensten wie del.icio.us ist überfällig. Eine Wartezeit von 1 bi 2 Jahren bis zur Aufnahme ist doch absolut kafakesk im Intern wo jedes Jahr wie 3 zählt.

    Ich melde mich bei ODP eh nicht an, die dort vorhandenen Einträge sind oft hoffnungslos veraltet (schon ofline oder längst von Domain-Grabbern übernommen).

  8. @Klaus

    Nicht die Datennutzer waren gemeint, sondern Statistiken darüber, wer/wieviele und wie oft das ODP zur Suche nutzen. Letztlich meinte ich also die Seitenzugriffe pro Monat von dmoz.org, wobei hier interne Zugriffe und solche der Editoren natürlich abgezogen werden sollten. Die Gesamtzahl wäre aber auch schonmal interessant.

  9. FInd so ein Webverzeichnis eine schöne Idee um sich einfach mal durchzuklicken, einziger Nachteil ist, seitdem ich es gefunden habe lässt es keine Anmeldungen merh zu :/

  10. Ich bin auch der Meinung, dass dem ODP langsam die Puste ausgeht. Manuelle Arbeit ist zwar eine durchaus qualitativ hochwertige Idee, allerdings sind dem auch (Wachstums-)grenzen gesetzt. In den vergangenen Monaten und Jahren hat man doch deutlich gemerkt, dass das Gleichgewicht zwischen Editoren und den Millionen von Einträgen einfach aus dem Ruder geraten ist. Neue Seiten brauchen teilweise knapp ein Jahr um überhaupt im DMOZ gefunden zu werden. Ich kann Jojo nur zustimmten: Besucher kommen über das weltweit größte von Menschen editierte Verzeichnis kaum. Den einzigen Nutzen würde ich darin sehen, dass die eigenen Positionen in Suchmaschinen verbessert werden, eben weil z.B. Google das OPD als hochwertig einstuft. Was mich auch ein wenig von dem DMOZ-Verzeichnis abgebracht hat, sind die Nachrichten welche sich in der letzten Zeit blitzartig in Blogs verbreitet haben. Ich spreche da vor allem die Bestechlichkeit mancher Editoren an. Schade, dass auch in einem solch gemeinnützigen Projekt das Geld Oberhand gewonnen hat.

  11. Ein sehr interessantes Thema welches gut erklärt wurde. Man muß in der Tat sehr lange warten bis die Einträge einmal ins ODP übernommen werden. Habe mir übrigens einmal diesen Artikel gebookmarkt.
    Gruß
    Briefkasten Biene

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