Der Pate von Zürich

Fussballmafia

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Die Sonne entschwand gerade hinter dem Horizont, als Jérôme in einer schwarzen Limousine das Hauptquartier erreichte. Mitten in einer friedlichen Parkanlage gelegen, stellte es das Machtzentrum der Familie – wie der Pate die Organisation stets liebevoll nannte – dar. Hier gingen Wirtschaftsbosse ein und aus, wurden Milliarden Dollar verwaltet. Eine Macht im globalen Spiel um Reichtum und Einfluss. Und er, der Pate, meisterte dieses Spiel seit fast 20 Jahren glamourös. Kaum eine Regierung, die sich seinen Versuchungen widersetzen konnte. Sie alle wollten den Stoff, das Opium fürs Volk, das Spiel der Spiele.

Jérôme hatte die Tiefgarage des Hauptquartiers erreicht, stieg aus und wandte sich Richtung Fahrstuhl. Der Weg nach oben war einfach. Es gab für sein Ziel eine gesonderte Taste mit der Aufschrift “Präsident”. Beim Anblick der Aufschrift musste Jérôme lächeln. Ein ebenso großer wie tief stapelnder Titel. Doch für “die da draußen” musste der Schein eines ganz normalen Vereins zur Förderung einer Ballsportart aufrecht erhalten werden.

Leise öffnete sich die Fahrstuhltür und gab den Blick auf ein Foyer frei. An dessen gegenüber liegendem Ende befand sich das Büro des Paten. Mit schnellen Schritten überwand Jérôme die wenigen Meter und betätigte einen unauffällig angebrachten Signalgeber. Normale Besucher hätten den Umweg über das Sekretariat gehen müssen. Inklusive langer Wartezeit. Denn der Pate war ein viel beschäftigter Mann. Die vielen Fäden, die sich über die gesamte Welt spannten, mussten bespielt werden.
Ein leises Summen gab zu verstehen, dass ihm Einlass gewährt wurde. Die Tür öffnete sich und ehrfürchtig betrat Jérôme das Büro. Ein großer Raum tat sich auf. An den Wänden hingen Bilder heroischer Ereignisse, für die die Organisation verantwortlich zeichnete. Das einzige Möbelstück war ein gewaltiger Schreibtisch aus Edelholz. Davor ein ausschweifender Bürosessel, mit dem Rücken zu Jérôme ausgerichtet.

“Jérôme…”, erklang die Stimme des Paten, “Ich hoffe, du bringst gute Nachrichten.”.
“Nun, Mister Blatter, nicht ganz. Es ist etwas vorgefallen”.
“Etwas vorgefallen?”, das letzte Wort dehnte der Pate mit gefährlichem Unterton in die Länge.
“Ja, genauer gesagt haben wir ein Problem.”.
Ruckartig drehte sich der Sessel. Mit tiefen Falten auf der Stirn erhob sich der Pate.
“Rede nicht um den heißen Brei herum! Du bist mein Generalsekretär. Also mach den Mund auf!”.
“Wir haben einige wichtige Mitglieder der Familie verloren. Unter anderem Ihre beiden Stellvertreter.”.
Kurz zögerte Jérôme, ergriff dann jedoch die Fernbedienung des TV-Gerätes und schaltete auf einen Nachrichtenkanal. Wie schon den ganzen Tag konnte man auch jetzt diverse Szenen der Verhaftungen beobachten. Aus allen möglichen Blickwinkeln; die Sender wollten ihren Zuschauern nicht ständig die gleichen Bilder zeigen und damit offenbaren, dass es eigentlich nichts neues zu berichten gab. Soeben tauchten die Gesichter von Jeffrey und Eduardo, den beiden Stellvertretern, auf. Überrascht zog der Pate seine Stirn noch stärker in Falten, als sie es ohnehin schon war.

“Dieses treulose Pack!”, schrie er in einem Anfall Aufkommender Wut.
“All die Jahre habe ich ihnen beigebracht, wie man Geschäfte richtig angeht. Und dann lassen sich diese Versager von Polizisten verhaften. Von Schweizer Polizisten, das ist unerhört. Verrat!”. Der Pate hatte sich in Rage geredet, das Gesicht im Zorn verzerrt und rot angelaufen.
“Und diesen Amerikanern werden wir zeigen was es heißt, die Familie anzugreifen. Erst das große Geld mit uns machen und dann von hinten mit dem Dolch in den Rücken stoßen. Jérôme, notiere dir: Die USA werden von allen Events der Organisation ausgeschlossen! Diese Bande wird schon sehen, was sie davon hat. Sollen die doch weiterhin mit ihrem dämlichen Ei herum werfen. Sorge dafür!”.
Jérôme beeilte sich, die diktierten Anweisungen in seinem Tablett abzuspeichern und per eMail an die betreffenden Abteilungen weiter zu reichen. Lange vorbereitete Pläne wurden aktiviert, die Geschütze der Organisation in Stellung gebracht. Der Sturm auf die USA konnte beginnen.

Mittlerweile hatte sich der Pate wieder im Griff. Entspannt zündete er sich eine Zigarre an und zog genüsslich daran. Nachdenklich fuhr er fort:
“Wir werden Jeffrey, Eduardo und die anderen opfern. Bereite eine entsprechende Mitteilung an die Medien vor. Die Familie distanziert sich von diesen Subjekten. Stell sie als Einzeltäter dar, die auf schändliche Art und Weise das Ansehen unserer Organisation beschädigen. Morgen steht meine Bestätigung als Pate vor den Vertretern der Familie an. Diese darf nicht gestört werden.”.
Wieder schickte Jérôme entsprechende Anweisungen an die zuständigen Bereiche.
“Mister Blatter, wie sollen wir mit Chuck verfahren?”.
Der Pate ließ sich Zeit mit einer Antwort, betrachtete ausgiebig seine Zigarre.
“Der Verräter hat den ganzen Schlamassel erst ins Rollen gebracht. Beschädigt seine Glaubwürdigkeit. Sobald er Vorwürfe gegen mich erhebt, muss er ausgeschaltet werden!”.
Jérôme nickte bedächtig. Um seine eigene Haut zu retten, hatte Chuck nach seiner Verhaftung in den USA gesungen. Brachte Dinge ans Licht, die unter keinen Umständen an die Öffentlichkeit hätten kommen dürfen. Zu viel stand auf dem Spiel. Nicht nur das Wohl der Familie. Selbst Regierungen waren im Netzwerk des Paten involviert. Der Rubel musste rollen – und die Massen im Freudentaumel der Spiele im Zaum gehalten werden. Koste es, was es wolle.

“Jérôme, jetzt stelle mir bitte eine Verbindung zu unserem Freund Putin her. Er wird uns helfen, diese amerikanische Bande in Misskredit zu bringen. Dieser Kampf muss auf höchster Ebene ausgefochten werden.”. Mittlerweile hatte der Pate sein berüchtigtes Lächeln wiedergefunden.
“Der Krieg hat begonnen. Aber wir stehen nicht alleine an der Front.”.

Veröffentlicht von

Thomas C. Stahl

Herausgeber von tiuz.de. Motto: Die einzige legitime Politik in einer Demokratie ist die des Volkes! Homepage

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