Auflösungserscheinungen beim ODP

Als interessantes Anschauungsobjekt im bereich Web2.0 dient derzeit das ODP: Wie hier bereits geschrieben, ist das größte Web-Verzeichnis des Internets seit nunmehr 31 Tagen nicht mehr editierbar. Mit anderen Worten: Die zu diesem Zweck bestehende Web-Gemeinschaft lebt nutzlos in den Tag hinein. Mangelnde Kommunikation seitens des technischen Stabes – seines Zeichens AOL-Beschäftigt – und die unprofessionell lange Zeit des Ausfalls lassen mittlerweile lange Risse entstehen. Es brodelt unter der Oberfläche.

Dem normalen Nutzer des ODP mag dies nicht auffallen. Ihm wird mit einer statischen Webseite vorgegaukelt, alles sei in bester Ordnung. Doch was ihm damit entgeht, ist die eigentliche Seele des Verzeichnisses: Die zig-tausenden Editoren. Allein ihrem Wirken ist die hohe Qualität der Einträge und deren Anerkennung durch Google & Co. zu verdanken.
Eben diese Editoren-Gemeinschaft ist nun seit besagtem Zeitraum von ihrem Werk getrennt. Es ist, als ob man kostenlos und in seiner Freizeit gemeinsam mit Freunden ein gemeinnütziges Projekt aufgebaut hat, es noch immer pflegt und hegt, und nun plötzlich der Projekt-Träger alle wegschickt.
Schnell kommen da Gerüchte hoch. Von absichtlicher Verzögerung ist da – noch ironisch – die Rede. AOL würde die Inbetriebnahme solange hinauszögern, bis die “normalen” Editoren vom sogenannten Time-out, also dem automatischen Ausschluß nach 4 Monaten, betroffen sind. Da spielt es keine Rolle, ob dies als Befreiung vom lästigen Mitspracherecht der Gemeinschaft oder Kahlschlag unter Inaktiven gedacht ist. Auch letzteres käme dem Bruch des Gemeinschaftsvertrages gleich.
So verwundert es nicht, daß besonders im deutschen Teil des ODP nicht nur von einer Loslösung von AOL, sondern gleich einer Trennung vom Gesamt-Verzeichnis geredet wird. Diese Idee ist um so wirkungsvoller, als daß sie unter externen Webmastern und Marketingprofis (inkl. SEOs) schon länger umherschwirrt. Es bleibt abzuwarten, wie lange die Geduld reicht.
Diese könnte jedoch endgültig versiegen, sobald die sogenannten Datennutzer abspringen, weil ihnen das Treiben zu bunt wird. Vor allem Google könnte mit einem Fortgang dem ODP einen Todesstoß versetzen. Den Zusammenbruch könnte danach wohl nichts mehr aufhalten. Denn welcher Mensch bzw. Editor opfert schon seine Zeit einem völlig sinnlosen Projekt.

Aus Sicht des Unbeteiligten vollzieht sich hier eine interessante Entwicklung. Sie könnte zum Musterbeispiel für Erfolg und Untergang großer Web2.0-Projekte geraten. Innerhalb nur eines Monats haben AOL und der ODP-Stab es geschafft, eine wichtige und ursprüngliche Säule des Internets in Grund und Boden zu wirtschaften. Dabei zeugt dieser für Internetbelange doch sehr lange Zeitraum noch von der enormen Stabilität der ODP-Gemeinschaft.
Es bleibt abzuwarten, was insbesondere AOL überhaupt bezweckt. Die Bekanntheit des Web-Verzeichnisses könnte beim einst größten Internetunternehmen Begehrlichkeiten geweckt haben. Einer kommerziellen Verwertung steht jedoch die Editoren-Gemeinschaft im Weg. ODP ist durch den Gemeinschaftsvertrag an Offenheit, Mitsprache und Kostenlosigkeit gebunden. Ein Schelm, wer da böses vermutet.

Veröffentlicht von

Thomas C. Stahl

Herausgeber von tiuz.de. Motto: Die einzige legitime Politik in einer Demokratie ist die des Volkes! Homepage

4 Gedanken zu „Auflösungserscheinungen beim ODP“

  1. Ja das ist voll traurig, seit ich meinen Blog da einreichen wollte funktioniert das schon nicht …, dachte immer erst es sei mein verschulden bis ich mal danach googlete, man kann ja nur hoffen :)

  2. Hmkay, na ja, durch youporn ( Nein nicht nur BIldleser *froi ) ist mein Blog nun auch ohne ODP publik geworden :).
    Danke an youporn ;).
    Und die Hoffnung stirbt zuletzt ^^.

  3. Solche Besucherströme generiert das ODP sowieso nicht. Da über Google etwas weniger als 100% der Besucher kommen ;-) , sind Suchworte wie youporn oder eben Tokio Hotel natürlich Besuchermagneten. Genial finde ich übrigens den Titel eines deiner beiträge: “Tokio Hotel bei youporn”; man stelle sich vor… Ich mußte jedenfalls erstmal richtig lachen :-)

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