Arbeitslose, Faulheit und die Sache mit der Motivation

“Arbeitslose sind faul! Wollen gar nicht arbeiten! Sind selbst an ihrem Problem schuld!”. Diese und andere Aussagen hört man Landauf, Landein. Zumeist von jenen ausgesprochen, die entweder auf der Sonnenseite des Lebens stehen, Steuern zahlen und glauben, deshalb gehöre der Staat ihnen, oder die einst selbst arbeitslos waren und sich mit solcherlei Sprüchen von ihrer verhaßten Vergangenheit versuchen abzugrenzen. Bei ersteren spielen Arroganz und grenzenlose Dummheit eine Rolle. Bei letzteren ist es nur Dummheit.

Weshalb aber wirken einige, denen die Lebenswelt nur noch wenig zu bieten hat, oft genauso, als würden die Aussagen zutreffen?
Der Grund liegt keineswegs darin, daß der Mensch an sich faul wäre und bei der bestmöglichen Gelegenheit in dumpfes Nichtstun verfällt. Auch nicht daran, daß jene, die arbeitslos sind, eventuell nicht anders können. Nein, für die Antwort sollte man in die tiefsten Abgründe der menschlichen Seele schauen und jene Zusammenhänge beachten, deren Komplexität jene zuvor Angesprochenen meistens überfordert.
Das, was wir in anderer Hinsicht mit geradezu perverser Toleranz predigen, müssen wir auch unseren eigenen Volksgenossen zugestehen; gemeint ist hier die allgemein übliche Praxis, die Gewaltbereitschaft “einiger” Moslems mit deren verzweifelten wirtschaftlichen Lage zu begründen.

Man muß sich im Grunde lediglich den Lebenslauf eines Musterarbeitslosen anschauen:

  1. Arbeitslosigkeit
  2. Arbeit
  3. nach 5 Monaten Arbeitslos
  4. schlechtbezahlte Arbeit
  5. wieder Arbeitslos mit niedrigerem Arbeitslosengeld
  6. ALG II
  7. u.s.w.

Welcher Mensch würde mit einer solchen Existenz nicht demotiviert in seine Zukunft schauen. Wie gegen Windmühlen kämpfen viele Bürger Deutschlands im ach so freiheitlichen Wirtschaftssystem. Sie müssen sich entwürdigen lassen, bekommen für ihre Leistungen kaum Anerkennung – zählen bei so manchem Arbeitgeber nicht mehr nur theoretisch, sondern praktisch zum Humankapital. Von Freiheit oder gar Nutzung der Chancen, die der Liberalismus in Einheit mit der Freien Marktwirtschaft angeblich bietet, kann keine Rede mehr sein. Das wird auch dadurch nicht verbessert, indem man “Freien” mit “Sozialen” ersetzt. Vielmehr macht es das System nur noch perverser.
Insofern tut es kaum Wunder, daß sich viele Menschen aufgeben. Sie geben den Kampf um ihre Existenz einfach auf und lassen sich treiben. Deillusioniert verengt sich ihr Blick auf das, was direkt vor ihnen liegt. Pläne für die Zukunft stehen nicht mehr auf dem Plan. Überhaupt wendet man sich lieber anderen Welten, wie die des Alkohols, der Drogen oder des so warmen “Nichtstuns” zu. Der Mensch schraubt seine Erwartungen zurück und damit sein Leben. Auf diese Weise wird wieder das möglich, worum es eigentlich geht: Ein gutes, gelingendes Leben.

Wir, die wir unser Auskommen haben, nach vorne blicken, etwas bewegen wollen, sollten darüber weder mitleidig noch belustigt sein. Wir sollten beschämt zu Boden blicken! Denn wir können unser Leben nur genießen, weil das System stets einige Individuen in ihrem Streben unterdrückt, es jedoch die anderen getroffen hat.

Veröffentlicht von

Thomas C. Stahl

Herausgeber von tiuz.de. Motto: Die einzige legitime Politik in einer Demokratie ist die des Volkes! Homepage

12 Gedanken zu „Arbeitslose, Faulheit und die Sache mit der Motivation“

  1. Ich kann nur zustimmen, und zwar aus eigener Erfahrung. Bei dem Lebenslauf fehlt aber noch etwas, und zwr die Zeit vor der Arbeitslosigkeit. In der man vielleicht Abitur gemacht, studiert und eine Ausbildung absolviert hat. Und nach dieser Ausbildung ums Verrecken keinen Job mehr findet. Das ist ebenso scheiße wie vollkommen ohne Ausbildung da zu stehen und aus diesem Grund keine Perspektive zu haben. Oder den Job mit Mitte 40 zu verlieren und festzustellen, dass einen nun niemand mehr braucht.
    Noch ein bisschen Kritik: “Musterarbeitsloser” ist ein ziemlich unglücklich gewähltes Wort. Und was bedeutet: “Der Mensch schraubt seine Erwartungen zurück und damit sein Leben. Auf diese Weise wird wieder das möglich, worum es eigentlich geht: Ein gutes, gelingendes Leben.”? Nur, weil ich meine Erwartungen zurückschraube, geht es mir besser? Wenn das so gemeint ist, muss ich ganz deutlich sagen: Das ist Stuss.

  2. Achtung: Sarkasmus! Sowohl “Musterarbeitsloser” und “Gutes, gelingendes Leben” bitte im Kontext lesen.

    Zur Diskussion: An deine Erweiterung des Lebenslaufs habe ich garnicht gedacht. Aber es stimmt und fügt einen weiteren Baustein in das Gerüst der Demotivation – die bei dem einen oder anderen sicher bereits in Verzweiflung mündet – ein.
    Besonders die aktuellen Berichte über die sogenannte “Generation Praktikum” lassen für die Zukunft kein besseres Bild erwarten.

  3. durch den systematischen abbau der sozialsysteme sind arbeitssuchende erpressbar geworden, was viele firmen versuchen auszunutzen. bloss weil ich durch unglückliche umstände arbeitslos geworden bin, verkaufe ich meine gut qualifizierte arbeitskraft nur für für paar euros, das ist eien sache des prinzips.

  4. Ich hatte mir schon gedacht, dass das sarkastisch oder zumindest ironisch klingen soll, denn das, was Du sonst schreibst, ist ja völlig okay. Aber der Übergang in den “Sarkasmusmodus” ist imKontext eben nicht wirklich klar ersichtlich, und deswegen klingt es eben etwas unglücklich.

    Das mit den Praktika stimmt absolut, und es ist zum Kotzen, dass das so läuft. Aber wenn man den Job nicht machen will, stehen garantiert 30 andere da, die sich ausbeuten lassen wollen – also können die Firmen mit denen umspringen, wie sie lustig sind. Zum Glück krieg ich wneigstens immer wieder halbwegs gut bezahlte Jobs zwischendurch – das ist aber echt die Ausnahme.

  5. Ich stelle eine These auf: Der Menschen arbeitet, um etwas zu erschaffen.

    Du spricht demnach indirekt ein weiteres Problem an: Das häufige – gezwungene – Wechseln des Arbeitsplatzes. Jedes Mal, wenn der jeweilige AN sich eingearbeitet hat, eine Beziehung zu seinem neuen Schaffenswerk hergestellt hat, muß er wieder gehen. Auch eine Art der Entwürdigung.

  6. Ja und nein. Ich wusste von vornherein immer, dass ich nur Projektverträge hab. Wenn das Projekt eben vorbei ist, ist es vorbei. Schlimmer ist es wirklich, wenn man sich auf etwas längerfristiges einstellt und dann überraschend wieder gehen darf/muss. Aber ich glaube, das ist heutzutage leider nicht selten…

  7. Am erstaunlichsten aber finde ich, wie gut die Meinungsmache in diesem Land funktioniert.

    Das Problem im Land ist gar nicht die Arbeitslosigekeit oder Massenarbeitslosigkeit – Es fehlen etwa 10Millionen sozialversicherungspflichtige Jobs – sondern das Problem sind die Arbeitslosen selbst. ? Ganz einfach.

    Die Superproduktivität ist nun einmal die Ursache dessen, dass nicht mehr 10 das Brot für 1.000 backen, sondern einer für 10.000. Und eigentlich ist dies ein Segen.

    Eigentlich.

    Grüße

  8. Ich denke da liegt tatsächlich einiges im argen! Man betrachte auch nur mal die Praktikantenkultur mit der junge Leute als kostenlose Arbeitskräfte geködert und oft monatelang beschäftigt werden. Wer aber keine Praktika macht der kriegt später auch keinen Job – weil ja Erfahrungen fehlen. Ein Teufelskreis und er liesse sich nur von außen beheben: Indem eine Entlohnung bei Praktika zur Pflicht gemacht wird und die Praktikanten somit das bekommen was sie verdienen!

  9. der arbeitsmarkt ist nüchtern betrachtet so wie der heiratsmarkt. man muss halt oft zur richtigen zeit am richtigen ort sein. viele arbeitende haben das glück nicht arbeitslos zu werden, weil wenn sie es würden, wären auch sie mit einem hohen risiko behaftet lange arbeitslos zu sein. und wenn es dann das richtige ist, stimmt auch die motivation.

  10. kann klaus-martin da voll zustimmen. heut zu tage ist es echt schon glück, wenn man einen arbeitsplatz findet. einen arbeitsplatz, dessen qualifikationen man erfüllt und der einem den lebensunterhalt sichert. auch mein chef sagte immer auf die frage wie er an die stelle des geschäftsführers gekommen ist, dass da auch eine menge glück dazu gehört….

  11. es gibt sehr viele vorurteile arbeitslosen menschen gegenüber. aber ich finde die meisten sind auch berechtigt.

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